Diamanten für umgeworfene Wolkenkratzer – Motivationssprüche unter der Lupe zerpflückt (Teil 2)

Ja, es ist schon etwas länger her, seit Teil 1 zu meiner kleinen Zerpflückungsorgie erschienen ist und ja, bis zu Teil 2 sollte es nicht so lange dauern (fast ein Jahr) – aber im Leben kommt so oft was dazwischen und in meinem eben auch. Aber es geht weiter, in jeglicher Hinsicht. Stürzen wir uns also direkt hinein.

Wenn ich wüsste, wer „Wenn mein Körper nicht mehr kann, zieht mein Wille ihn wieder hoch“ verfasst hat, würde ich dem*derjenigen mal nach dem Puls fühlen. Oder einen Brief schreiben. Liebe*r Verfasser*in dieses überaus dämlichen Spruchs. Geht’s noch? Wenn mein Körper nicht mehr kann, bekommt er ne Pause. Auch ne längere, wenn nötig, das hat mit fehlendem Willen rein gar nichts zu tun. Als ob man nur durch Willenskraft alles erreichen könnte, was man will und wenn man es dann nicht schafft, dann macht man sich sein Leben lang dafür fertig, weil ja angeblich der Wille nicht da war. Ich kann doch nicht über meine Bedürfnisse hinweg gehen, nur um nicht als willenlos angesehen zu werden, um nicht als schwach zu gelten. Das regt mich richtig auf, das ist so ein Müll. Immer schön über die eigenen Bedürfnisse hinweg trampeln, um bloß funktionieren zu können. Herzlich Willkommen in der Leistungsgesellschaft.

Da schnellt mein Puls gleich zu Beginn dieser kleinen Analyse gleich ganz nach oben bis unter die Schädeldecke – und dabei wollte ich mich doch insgesamt weniger aufregen und gelassener werden.

Ein Spruch, den ich auch noch nicht kannte ist „Auf einfache Wege schickt man nur die Schwachen“ von Hermann Hesse. Mein Bullshit-Radar springt da sofort an. Warum muss denn alles immer schwer sein, um hinterher richtig gut zu sein? Warum soll ich leiden um Anerkennung zu erhalten? Ich finde diese Entwicklung geradezu gefährlich, dass man nur durch Mühsal zum Erfolg kommen kann. Oder durch Schmerzen. Warum kann ein Weg nicht auch mal einfach sein und trotzdem gut sein? Zu einem Ziel führen, dass vielleicht nicht ganz oben auf dem Berg liegt, aber hey, vielleicht ist es hier in der Mitte ja viel schöner für dich, im Wald, und da steht ne Bank und du kannst dich hinsetzen und der Ausblick ist auch toll. Wer sagt denn, dass die Aussicht ganz oben wirklich besser ist? Ganz oben knallt dir die Sonne auf den Kopf, da gibt es keinen Schutz mehr. Wieso hat das was mit Schwäche zu tun, wenn man sich entscheidet, sich nicht dem Ellbogengerangel auszusetzen und sich nicht beide Arme und Beine auszureißen?

Von François Truffaut stammt übrigens ein Spruch, den ich auch noch nicht kannte. „Man kann niemanden überholen, wenn man in seine Fußstapfen tritt.“ Ja, physikalisch gesehen stimmt das. Aber warum muss ich denn immer andere überholen? Ich kann in deinen Fußstapfen gehen, dich mir zum Vorbild machen und eventuell gehe ich dann mal neben dir oder einfach einen ganz anderen Weg. Es geht doch nicht immer um schneller oder besser, darum der Erste zu sein, jemanden zu überholen. Das Leben ist doch kein Wettbewerb, auch wenn die Gesellschaft uns das gerne so vorgeben möchte.

Next. „Auch Wolkenkratzer haben mal ganz unten begonnen“. Ja, auch nicht ganz falsch physikalisch gesehen. Aber nicht jeder möchte ein Wolkenkratzer werden, und das ist völlig okay. Ein 4-stöckiges Wohnhaus ist auch okay, oder noch besser, eine Hütte im Wald. Wolkenkratzer sind mir viel zu nah an der Sonne und ganz frei von Höhenangst bin ich außerdem nicht. Und stell dir vor, du fällst da mal runter. Dann isses aus. Außerdem musst du dann auf alles Mögliche achten, erdbebensicher musst du sein, und wir wissen ja, dass es so weit oben ganz besonders heftig schwanken kann. Willst du wirklich der Wolkenkratzer sein? Ich finde Jugendstilvilla ja charmanter.

Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird, angeblich von Winston Churchill, „No Sports“ und so. Aufstehen ist wichtig. Da würde ich dem guten Winston sogar zustimmen. Aber man kann auch erstmal liegen bleiben, wenn man so richtig umgeworfen wurde, so richtig verletzt wurde, ausgeknockt, am Boden liegt. Da kann man ruhig auch mal liegen bleiben und seine Wunden lecken. Und zwar so lange das nötig ist. Dann kann man sich auch mal aufsetzen und sich umgucken, eventuell kommt auch jemand vorbei, der einem die Hand reicht. Oder der sich zu einem auf den Boden setzt, damit man nicht so allein ist. Ist alles in Ordnung. Und nein, man muss auch nicht alleine aufstehen, es ist okay, um Hilfe zu bitten, wenn man bereit zum Aufstehen ist.

By the way, in diesem Spruch steckt ein dicker Logikfehler. Wenn ich zum Beispiel fünf mal hinfalle, wie oft kann ich dann maximal aufstehen? Richtig, auch fünf mal. Ich kann nicht einmal mehr, also sechs mal aufstehen, ohne vorher ein sechstes mal hingefallen zu sein, wenn aufstehen eine Reaktion auf hinfallen ist. Insofern stimmt der Spruch schon, denn wer das schafft, ist tatsächlich ein Künstler. Aber eher ein Zauberkünstler.

Der Klassiker „Carpe Diem“. Nutze – genau übersetzt – pflücke den Tag. Von Horaz. Dieser Satz ist vor Christus entstanden! Vor über 2000 Jahren! Ja, natürlich, wenn ich wüsste, dass ich nur 30 werde, würde ich wohl auch in Panik verfallen und so viel machen, wie ich kann. Aber jeden Tag nutzen? Und was behauptet denn nutzen? Bett und Netflix oder Buch bestimmt nicht, das wäre wohl eher verschwenden, wenn es nach unserer Leistungsgesellschaft geht. Ich scheiß auf die Tage, die ich angeblich nicht nutze, denn die sind auch okay. Und wenn sie es nicht sind, dann ist das auch okay.

Und zum Schluss mein Liebling. „Diamanten entstehen unter Druck“. Niemals. Also schon, wenn ich mal tot bin, dann könnt ihr aus meiner Asche gerne Diamanten pressen und euch um den Hals hängen. Aber bis es soweit ist, ist Druck Gift. Für mich jedenfalls. Ich werde unter Druck nur immer kleiner und kleiner, verbiege mich immer weiter, bis ich ganz krumm und winzig bin und mich nicht mehr bewegen kann. Ganz unglamourös. Da glitzert dann aber gar nichts mehr. Da staubt es und weint und heult und rotzt vor sich hin.

Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr von diesen scheinbar hilfreichen Sprüchen. Jeder kennt sie. Vielleicht denkst du mal drüber nach, was wirklich dahinter steckt, bevor du sie jemandem an den Kopf wirfst oder mit auf den Weg geben willst. Ich richte übrigens gerne mein Krönchen, aber manchmal sitzt es mir auch schief auf dem Kopf und manchmal steckt es in meiner Tasche. Manchmal schreite ich auch nicht würdevoll dahin, sondern stolpere eher vor mich hin. Und manchmal sitzen mein Krönchen und ich auch auf dem Sofa und essen Schokolade.

P.S.: Der letzte Spruch, der mich nachhaltig „beeindruckt“ hat, ist übrigens „Aufgeben kannst du bei der Post“. Es gibt ja auch noch Hermes und DPD.

Eine Antwort auf „Diamanten für umgeworfene Wolkenkratzer – Motivationssprüche unter der Lupe zerpflückt (Teil 2)

Add yours

  1. Die meisten dieser sogenannten „Mut-mach-Sprüche“ stammen von Menschen, denen es nie so richtig Sch….. ging. Wie Du sagst, müssen wir uns nicht täglich quälen oder zusammenreißen, we ist völlig OK, wenn wir mal nur an uns selber denken und nur und ausschließlich das tun, was UNS im Moment gut tut. Auch wenn das „Tun“ aktuell eher „Nichts-Tun“ ist! Im Sessel sitzen, Füße hoch, ein bißle rumcomputern oder (in meinem Fall) stricken, MIR muss es taugen, nicht irgend einem Klugscheißer und Besserwisser!

Hinterlasse eine Antwort zu Fuzzi Kellermann Antwort abbrechen

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑