Eine Geschichte aus Absurdistan

Wie soll ich anfangen mit meiner Geschichte? Am besten ist es, ich schaffe erstmal die richtige Atmosphäre, passend zur Jahreszeit. Stellen wir uns also vor, wir würden uns alle um ein Lagerfeuer setzen, das ist schön warm und ich mag dieses zwar etwas klischeehafte, aber idyllische Bild. Denken wir uns den Funkenflug und die Verbrennungen 1. Grades dabei einfach mal weg und Stockbrot gibt es auch nicht, das wird eh nie was, außen verkohlt und innen halb roh. 

Heute erzähle ich euch also eine Geschichte. Eine Geschichte aus einem fernen Land. Viele von euch werden dieses Land gar nicht kennen, und darüber könnt ihr froh sein. Es ist nämlich kein schönes Land, jedenfalls an den meisten Tagen. Ausnahmen sind immer möglich, eventuell hat einer von euch eine schönere Ecke kennengelernt als ich. 

Ich nenne dieses Land Absurdistan, weil dort allerlei absurde Dinge stattfinden, die keiner Logik zu folgen scheinen. Eigentlich wollte ich dieses Land anders nennen, denn Absurdistan scheint mir als Begriff reichlich abgegriffen, aber mir ist nichts Besseres eingefallen, also bleibe ich dabei.

Absurdistan ist ein Land voller Scheinfreundlicher. Was Scheinfreundliche sind? Kennt ihr Herrn Tur Tur, den Scheinriesen bei Jim Knopf? Der sieht von Weitem sehr groß aus, riesig geradezu, und je näher er kommt, desto kleiner wird er. Genauso ist das mit den Scheinfreundlichen. Im ersten Kontakt wirken sie sehr freundlich, zuvorkommend, wohlwollend – um dann bei jedem weiterem Kontakt immer unfreundlicher zu werden, wobei diese Unfreundlichkeit eher subtil ist. Mit offen gelebter Unfreundlichkeit könnte ich eventuell besser umgehen als mit diesem gönnerhaften, von oben herab, mit dieser unterschwelligen Verachtung, auf die ich nichts erwidern kann. Ich kann niemanden anschreien, nicht laut werden, warum auch. Es gibt offiziell keinen Grund für Unhöflichkeiten, denn alles wird mit leiser, nett klingender Stimme gesagt. Immer mehr kommt dann zum Vorschein, dass hier niemand dein Freund ist und auch niemals sein wird. Das Verhalten wird vielmehr übergriffig und bevormundend, geradezu furchteinflössend und energieraubend. Man könnte diese Menschen auch als Energievampire bezeichnen, als scheinfreundliche Energievampire. Ich jedenfalls brauche nach jedem Besuch in Absurdistan mindestens einen Tag Pause und zwei Tafeln Schokolade, um meine Akkus wieder aufzufüllen. 

Aber zurück zur Geschichte, beziehungsweise zum Anfang. 

Der Einstieg fällt hier ein wenig schwer, denn eigentlich gibt es mehrere Geschichten, die alle mehr oder weniger aufeinander aufbauen, aber dann müsste ich bei Adam und Eva anfangen, wenn ich alles berücksichtigen würde. Fangen wir also mittendrin an und tun so, als würdet ihr das Davor schon kennen und ich erzähle nach einer kurzen Pause einfach weiter. 

Wir hatten da aufgehört, wo ich frisch aus der letzten Maßnahme gekommen war – falls ihr gerade mal eingenickt wart, weil es am Lagerfeuer so schön muckelig warm war – und jetzt habe ich mal wieder gehadert. Mit mir, meinem Schicksal, meiner Zukunft. Weltschmerz irgendwie. Zum Glück war ich gerade auch frisch und sehr verliebt, aber die Geschichte kennt ihr bestimmt schon. 

Ich war also so richtig down, jedenfalls auf meine berufliche Zukunft bezogen; ich habe Bewerbungen über Bewerbungen geschrieben und selten eine Antwort bekommen. Dann habe ich nur noch Bewerbungen geschrieben und dann nur noch Bewerb…. und richtig, immer noch kaum Antworten bekommen. Wir befinden uns übrigens im Jahr 2019, nur damit ihr die Geschichte zeitlich richtig einordnen könnt. 

Ich wurde hierhin geschickt, dorthin geschickt, sollte an jener Veranstaltung teilnehmen, mit diesem und jenem reden – aber nichts passierte. Ich habe signalisiert, dass ich mich weiterbilden möchte und mir wurde gesagt, man kümmere sich darum – aber nichts passierte. 

Dann bekam ich eine neue Beraterin in Jobcenterhausen – das liegt quasi im Zentrum von Absurdistan. Diese Frau – nennen wir sie Frau Fau –  war sehr nett, sehr motiviert und mit einem Mal hatte ich wieder Hoffnung. Auf eine Umschulung, auf was Richtiges, auf Zukunft. Und mir wurde ja auch Hoffnung gemacht, mir wurde in Aussicht gestellt, dass ich eine Umschulung machen könnte, man war sogar der Meinung, dass das der einzig richtige und vernünftige Weg wäre – also alles genauso, wie ich es mir erhofft hatte – und so entstand eine ganz schön große Menge Hoffnung. Ja, das wird was, habe ich mir gedacht. Nicht. Denn die nette Frau Fau, war ebenso unorganisiert wie sie nett war. Chaotisch, völlig überfordert mit allem und nicht dazu in der Lage, sich an Absprachen zu halten. Die Hoffnung war schnell dahin und es tat sich – richtig, wer hats gesagt – nichts. 

Theoretisch hatte ich aber noch eine andere Beraterin in Agentur zur Arbeit – fragt mich nicht, warum ich die hatte, ich bin da auch nicht durchgestiegen durch die Hierarchie in diesem Land – und eigentlich sollten diese beiden (im folgenden mit J und A abgekürzt) sich im regen Austausch miteinander befinden; und das nicht nur still und heimlich, sondern sie sollten die Ergebnisse ihres Austauschs auch an ihre Kunden – in diesem Fall also an mich – kommunizieren. 

Haben sie aber nicht. Mit mir hat niemand geredet. Jedenfalls nicht in A. Warum, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht bin ich unbequem. Vielleicht ist es zu viel, dass ich was will, obwohl ich die meiste Zeit selbst nicht weiß, was ich will – und vielleicht liegt auch darin das Problem, ich strahle dieses Nicht-wirklich-wollen aus, dieses Nicht-sicher-sein, zu viel vielleicht und eventuell und jein und könnte sein und ich müsste nur mehr und eindeutiger wollen, dann würde das schon was werden mit der Umschulung. 

Nein. Frau Zett – nennen wir die theoretische Beraterin mal so – die eigentlich mit mir reden sollte, hat nicht mit mir geredet. Sie wollte mich nicht zu sich einladen – dabei kann ich gelegentlich echt nett sein – und sie will mir auf keinen Fall eine Umschulung genehmigen. Das geht nämlich nicht für mich und schon gar nicht in Teilzeit – ich habe da ja dieses blöde Problem, das mich nicht besonders leistungs- und widerstandsfähig macht, aber irgendwas muss ich ja trotzdem machen und ich kann das auch, ich bin ja nicht dumm. Die äußeren Umstände müssen halt passen, dann kann ich alles, auch die Welt retten und den besten Kaffee kochen. 

Bis heute habe ich Frau Zett übrigens nie persönlich kennenlernen dürfen, auch nicht telefonisch. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht, und die theroretische Beraterin ist ein Phantom, das würde einiges erklären, auch die fehlende Kommunikation, denn wer kann schon mit einem Phantom kommunizieren? Ich schweife ab. 

Jedenfalls habe ich dann ganz bürokratiekorrekt einen Antrag gestellt, so richtig korrekt in Form und allem, quasi als Köder habe ich den ausgelegt, um damit eine Reaktion zu provozieren. 

Exkurs 1: Das mit den Anträgen ist auch so eine Sache, ich bin mittlerweile nämlich richtig verwirrt, was für ein Programm bei mir noch läuft und welches nicht, und was bereits genehmigt wurde und so weiter. Auch so eine Sache der fehlenden Kommunikation. Also immer einmal mehr schreiben als man denkt, dass es nötig wäre. 

Der Köder wurde dann auch geschluckt, ich bekam dann endlich eine Antwort. Ich glaube, sie hat sich gedacht, wenn die – also ich  – schon so förmlich vorspricht, kann sie sich nicht mehr wegducken und totstellen, da muss sie drauf antworten. Mit mir selbst wollte sie allerdings immer noch nicht sprechen, aber sie dachte sich wohl, schick ich sie mal zum Amtsarzt, dann muss der mit ihr sprechen und vorher lasse ich sie noch jede Menge Papiere ausfüllen. Wir schreiben mittlerweile übrigens das Jahr 2022, es hat also alles ein wenig gedauert. 

Als gutes Mädchen – und ein gutes Mädchen zu sein, kommt in Absurdistan immer gut an, bringt einen allerdings nicht weiter – habe ich das gemacht und bin natürlich auch pünktlich zum Termin in A erschienen. Herr Doktor Ell, der Arzt schien mir recht nett und das Gespräch verlief auch recht gut, aber da war ich wieder auf einen Scheinfreundlichen hereingefallen. Ich, die es doch nach all  ihren Besuchen in Absurdistan hätte besser wissen müsste, hat sich einlullen und täuschen lassen. Ich sage ihm, wie es mir geht, was ich möchte und wahrscheinlich bin ich zu ehrlich. 

Exkurs 2: Ehrlich sein und die Wahrheit sagen ist ein heikles Thema in Absurdistan. Einerseits ermutigt man euch dazu, immer ehrlich zu sein, denn nur so könne man euch ja weiterhelfen. Andererseits kommt die Wahrheit in Absurdistan gar nicht gut an, man könnte sagen, sie wird gescheut wie das Weihwasser vom Teufel. Nicht die Wahrheit zu sagen, ist aber auch keine gute Idee, denn wenn ihr sagt, dass es euch gut geht, und es ist gar nicht so, dann glauben tatsächlich alle, dass es euch gut geht. Findet am besten so ein Mittelding zwischen Lüge und Wahrheit. Aus Erfahrung kann ich euch allerdings sagen, dass es leichter ist, mit verbundenen Augen rückwärts über ein über einen Abgrund gespanntes Stück Zahnseide zu balancieren. 

Zurück zu Herrn Ell, dem scheinfreundlichen Doktor. Der war nämlich der Meinung, dass ich so gar nicht arbeitsfähig wäre, zumindestens für ein halbes Jahr. Dabei kam ich mir gar nicht so kaputt vor, eigentlich recht stabil sogar. Ich habe mich bereit gefühlt für neue Taten, für neue Dummheiten, zu allen Schandtaten. Ich war motiviert und habe tatsächlich gedacht, dass sich mal wieder alles ändern könnte. Da war ich wohl alleine mit meinen Gefühlen, und nicht nur mit meinen Gefühlen, denn wenn ich mich recht erinnere, wurde mir in Aussicht gestellt, mich zu einer Arbeitserprobung zu schicken, was zwar immer noch keine Umschulung gewesen wäre, aber eventuell ein Schritt in die richtige Richtung – oder überhaupt mal ein Schritt irgendwohin. 

Dummerweise hat niemand in Absurdistan daran gedacht, mir die Meinung dieses Herrn Doktor Ell mitzuteilen, ich habe also gewartet und gewartet, was dieses Gespräch ergeben haben könnte und wie es nun weitergehen könnte und nichts kam. Nun bin ich ja auch ein geduldiger Mensch und weiß, dass man in Absurdistan nicht besonders schnell ist, also habe ich gewartet. Ich hätte nachfragen sollen. Ich hätte nerven sollen. Ich hätte unbequem werden sollen. Habe ich nicht, war ich nicht und so habe ich von der Einschätzung des Herrn Doktor Ell erst zufällig erfahren, als ich umgezogen bin. Am Telefon. Konnte man auch nicht glauben, dass ich davon keine Ahnung hatte – ich glaube die sind sich hier selbst nicht ganz geheuer. 

Ach ja, der große Umzug. Anderes A, anderes J, andere Scheinfreundliche, aber immer noch Absurdistan.  Wieder bin ich reingefallen. Wieso bin ich immer wieder so naiv? Wieso glaube ich immer wieder, dass mir die Person auf der anderen Seite vom Schreibtisch weiterhelfen kann und will? Wieso baue ich immer wieder Hoffnung auf, die so schnell wieder eingerissen wird?

Frau Eh, die hier für mich zuständig ist, ordnet eine erneute Gesundheitsprüfung an, obwohl die alte ja erst ein halbes Jahr her ist, aber da kann sich ja viel ändern. Als ob. Zum Glück habe ich die Unterlagen noch alle, da kann ich das schnell übertragen und dann geht das fix mit der Umschulung, denke ich mir so. Nein. Obwohl ich quasi alles so geschrieben habe, wie bei der letzten Gesundheitsprüfung, kommt der Arzt, auch ein Herr Doktor Ell (der zweite) zu dem Ergebnis, dass ich arbeiten kann und zwar Vollzeit. Nach Aktenlage, also ohne mich gesehen oder mit mir gesprochen zu haben. Leider darf der das so machen, und ich ob das gut finde oder nicht, interessiert keine Sau. Man kann ja auch wirklich nicht von so einem Arzt verlangen, dass der mit jedem, der da einen Antrag stellt, auch persönlich redet, dann müsste der sich von Morgens bis Abends ja mit Menschen unterhalten und dann würde ja auch zählen, was ich zu sagen habe – also eventuell. 

Exkurs 3: Eigen- und Fremdwahrnehmung in Absurdistan ist ein Thema für sich. Vor dem ersten Herrn Doktor Ell habe ich mich eigentlich ganz gut gefühlt, als ich so vor ihm saß, in keinster Weise instabil oder besonders krank. Eigentlich sogar ziemlich motiviert und ich dachte auch, dass ich das so kommuniziert hätte. Scheinbar war das wohl nicht so. Für Herrn Ell, den ersten, muss ich eher so gewirkt haben, als könne ich auf gar keinen Fall arbeiten. Warum auch immer, habe ich nie erfahren. Für den zweiten Herrn Doktor Ell habe ich im Großen und Ganzen das gleiche aufgeschrieben wie für den ersten. Ich habe sogar noch mehr geschrieben, denn nach dem ganzen Hin und Her und dem zusätzlichen Umzugsstress ging es mir mittlerweile gar nicht mehr so gut. Da war nichts mehr mit Stabilität, nichts mehr mit Tatendrang und Motivation. Da der aber nicht mit mir reden wollte, ist er wie auch immer – trotz meiner ehrlichen Schilderungen – zu dem Ergebnis gekommen, dass ich total gesund bin, fit wie ein Turnschuh, dass ich Vollzeit arbeiten kann. Und das Attest von meinem Psychiater, das besagt, dass ich das eben nicht kann, hat er einfach ignoriert. Der wusste es wohl besser, als alle, die mich kennen, mich eingeschlossen. Das Fazit daraus ist, dass du dich zwar total gut fühlen kannst, aber dass das nichts zählt, wenn man das in Absurdistan anders sieht. Und umgekehrt genauso. Da kannst du quasi den Kopf schon unterm Arm tragen, aber so lange der Kopf noch irgendwie vorhanden ist, zählt das nicht. Du zählst nicht. 

Zurück zur Geschichte. Was ich mich wieder und wieder und bestimmt zum 195488. Mal frage ist – Warum redet hier niemand mit mir? Warum wird hier immer über meinen Kopf hinweg entschieden, warum scheint hier jeder besser zu wissen als ich, was ich kann und was ich nicht kann. Ich fühle mich wie ein unmündiges Kleinkind, das im besten Falle auch noch bockt und einfach nicht das macht, was man ihm sagt. Was ich will, interessiert ja ohnehin nicht, das habe ich früher schon gesagt bekommen und ja, es ist Jahre her, aber der Satz treibt noch immer sein Unwesen in meinem Kopf. Was Sie wollen, interessiert hier nicht. 

Ich bekomme keine Umschulung, auch wenn ich noch so sehr will. Auch wenn ich Eigeninitiative zeige und mich mich überwinde, allen meinen Mut zusammen nehme und mir einen Infotermin bei einer möglichen Stelle für die Umschulung besorge. Auch wenn ich sogar da hingehe, mich auf das Gespräch einlasse, mir ein Angebot für die Umschulung geben lasse und es dann mit zitterndem Herzen an Frau Eh schicke, dabei nicht bettele, sondern ganz souverän eine Umschulung einfordere. Damit sie sieht, dass ich das wirklich machen will, dass ich tatsächlich an eine Zukunft glaube und einen Plan habe – jedenfalls so ungefähr, aber das muss ich ihr ja nicht so sagen. Wieder ist da diese zarte Pflanze Hoffnung, ich gehe jeden Tag mit klopfendem Herzen zum Briefkasten, der nächste Termin bei Frau Eh rückt näher und näher und nichts passiert. Wieder wird geschwiegen und schweigen können sie hier gut in Absurdistan.

Die Erklärung beim nächsten Termin bei Frau Eh ist folgende: Es ist kein Geld da für mich und meine Umschulung. Zu teuer. Ich wäre zu teuer. Ich bin es nicht wert, dass man Geld für mich ausgibt.  Außerdem wäre ich nach dem Abschluss ja nur eine von vielen, eine von tausenden Büromäusen oder -mäuserichen, ohne jegliche Chance auf einen Job. Früher, ja da wäre noch alles genehmigt worden, das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen, aber leider leider leider ist das jetzt anders. Also bin ich einfach nur zu spät mit meiner Entscheidung, aber um wie viel zu spät denn? Wäre alles anders, wenn ich mich früher entschieden hätte, wenn ich wie ein ganz normaler Mensch Vollzeit arbeiten könnte ohne die ganzen Einschränkungen? Die Gedankenspirale dreht und dreht sich immer weiter und kommt nicht mehr zum Stehen und in der Mitte steht: Es liegt an mir, weil mit mir etwas nicht stimmt. 

Ich bitte um etwas schriftliches, etwas, das ich in der Hand halten, gegen das ich Widerspruch einlegen kann. Warum? Was erhoffen Sie sich davon?, werde ich gefragt. Widerspruch ist hier nicht vorgesehen, friss die Ablehnung oder stirb, aber komm bloß nicht auf die Idee, dich wehren zu wollen. Es ist absurd, Frau Eh kann mir leider nichts schriftliches geben. Noch absurder: Um etwas schriftliches zu bekommen, muss ich erneut einen schriftlichen Antrag auf eine Umschulung bei ihr stellen – hatte ich das nicht schon? Eventuell könne sie mir dann was schriftliches geben. By the Way, ich habe einen schönen Antrag geschrieben, gefaxt und warte nun seit ungefähr sechs Wochen auf eine Reaktion, die wahrscheinlich nie kommen wird. (Notiz an mich: Diesmal nachfragen, nerven, unbequem sein, es geht schließlich um mich und mein Leben.)

Ich warte trotzdem und sitze seit eben diesen sechs Wochen erneut in einer Maßnahme, die ich doch bitte als Chance sehen soll, auch wenn ich nicht weiß, wofür. Wurde ich eigentlich gefragt, ob ich diese Maßnahme machen möchte? Ich kann mich nicht daran erinnern, wahrscheinlich habe ich automatisch genickt und es hingenommen und werde es nun über mich ergehen lassen; ich habe ja nichts zu wollen. Bitte entschuldigt, wenn ich etwas dramatisch werde, aber das ganze kommt mir langsam vor wie ein Drama in vielen Akten. 

Für die nächsten drei Monate werde ich also von montags bis mittwochs für jeweils 3 Stunden meinen Gedanken überlassen; nur ich und die Achterbahn von Plänen, Wünschen und Zukunftsvorstellungen in meinem Kopf. Ein stetes auf und ab von Ja bis Nein, von Ich kann das bis Ich werde das nie können, zwischen Schreien und Heulen wollen bis zu unbändiger Langeweile – und wer hat eigentlich mal gesagt, dass daraus die besten Ideen entstehen?

Ich muss mich wieder neu sortieren, einen neuen Plan aushecken. Wieder von vorne anfangen, ich hatte mir das schon vorgestellt, wie das werden würde, was danach kommen könnte und das ganze schöne Haus wurde wieder eingerissen. Und warten, warten muss ich auch, auf das endgültige nein und mich fragen, was ich dann mache, ob ich Widerspruch einlegen will, ob ich genug Kraft dafür habe und mit welchem Ergebnis ich am besten leben könnte. Ich bin wieder zurückgeworfen auf die Frage „Was will ich eigentlich?“ gefolgt von der Frage „Was kann ich eigentlich?“

Da stehe ich also wieder, teilweise vor Angst wie gelähmt, teilweise optimistisch. Teils begeistert von meinen Ideen um sie dann selbst am liebsten im Fluss zu versenken, aus Angst, dass es ja eh nichts wird damit. 

Das ist erstmal das Ende der Geschichte. Ich sehe euch schweigen. Bitte guckt mich nicht so betroffen an, das wird schon wieder, das wird schon, irgendwann mal. Nur im Moment vielleicht nicht, ich habe keine Kraft mehr, es ist zu viel, zu viel Mutlosigkeit, zu viel Hoffnungslosigkeit, zu viel Losigkeit im allgemeinen. Zu viel Denken und zu viel Entscheiden. Zu viel Absurdistan, zu viel zu viel zu viel. Da ist zu viel Frustration, die auch mal raus muss.

Könnte ich mir Mut antrinken, ich würde es tun, aber ich weiß nicht womit. Ich brauche etwas, mit dem ich nicht nur die Situation besser ertragen kann, ich brauche etwas richtiges, das mir hilft, neue Pläne zu schmieden, egal wie brüchig das Metall ist. 

Hat jemand was zu Trinken für mich?

7 Antworten auf „Eine Geschichte aus Absurdistan

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  1. *hält Fräulein Meerjungfrau ihren Kaffee hin* Das kommt mir alles so bekannt vor, dieses Absurdistan hab ich auch erlebt. Du kommst zum Amt, denkst, die sollen/können/wollen Dir helfen, wieder Arbeit zu finden, die Du auch SCHAFFEN kannst und -bäm- kriegst Du eine Kopfnuss nach der anderen. Ich habe (vor Jahren) auch so eine Maßnahme mitgemacht, hatte aber das Glück, dass sie mir tatsächlich (zumindest teilweise) was gebracht hat. Dort hab ich nämlich festgestellt, dass ich nicht alleine in diesem Hamsterrad bin und das hat mir komischerweise wieder Mut gegeben.

    1. Dass ich nicht alleine bin, hilft mir tatsächlich ein wenig, ich habe so das Gefühl, als wäre man eine kleine eingeschworene Gemeinschaft, auch wenn wir nur kurz zusammen sind und uns nicht wirklich kennen. Das ist aber auch das einzig positive an der Maßnahme, der Kontakt zu anderen Menschen.

  2. Du sprichst mir so aus der Seele und jedes Wort trifft es auf den Punkt. Man fühlt sich wie ein Spielball der Behörden und wird einfach nicht gehört. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen alles Gute, dass Du auf Menschen triffst, die wirklich Zuhören und Verstehen. Man muss sie suchen, diese Menschen, und Glück haben, um sie zu finden. Aber es gibt sie irgendwo da draußen.

  3. Es tut mir so leid, dass Du in diesem Absurdistan so allein gelassen und hin- und hergeschoben wirst, dass Du von Menschen abhängig bist, die über Dich entscheiden und urteilen, ohne Dich richtig zu kennen. Jedesmal, wenn ich Deine Beiträge lese denke ich, Mensch Schatzelein, Du musst schreiben….., Geschichten erzählen, ein Buch schreiben….. Du kannst das so wunderbar fesselnd, einfühlsam, humorvoll, gefühlvoll…., ich denke, Du könntest so viele Menschen damit erreichen…..

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