Mehr als mein Gewicht

Ich bin dick. Fett. Übergewichtig. Beleibt. Kräftig. Plüschig. Eine Rubensfrau. Curvy. Plus Size. Wie auch immer. Ich weiß das, ich habe zu Hause sogar mehrere Spiegel. Nein, ich finde das nicht schön, meistens jedenfalls nicht und ich will mir auch nichts schönreden. Ich kann mich schlechter bewegen als früher, als ich noch schlanker war. Für meine Gelenke ist das auch nicht gesund – aber was ist schon gesund und ich bin es eh nicht so ganz. So viel also dazu. Mittlerweile muss man ja immer alles schon vorher erklären. Disclaimer quasi.

Mein Herzensmann mag es übrigens gar nicht, wenn ich mich so bezeichne, er liebt mich nämlich so, wie ich bin. Ich Glückspilz.

Mit diesem Hintergrundwissen nehme ich euch jetzt mit. Zu meinem Hausarzt. Eigentlich stand nur der regelmäßige Check Up an, an den ich netterweise auch erinnert werde. Ich musste wegen meiner Schilddrüse zur Blutabnahme und bekam nicht nur ein Pflaster auf meine Vene, sondern auch einen Termin und einen kleinen Pippibecher mit nach Hause – weitere Einzelheiten erspare ich euch.

So weit, so gut. Und dann kam der Termin. Erstmal EKG, also ausziehen, und zwar AUS-ziehen, bis auf den Schlüpper und die Socken, und das ist für mich schon immer eine sehr unangenehme Situation. Ich liege also da auf der Liege, die Arzthelferin befestigt die EKG-Nuppsis an mir, wir plaudern ein wenig und ich darf immerhin meinen BH wieder anziehen. Immerhin, aber besser fühle ich mich damit auch nicht. Wer fühlt sich schon wohl dabei, halbnackt und mehr vor einem zwar nicht ganz fremden, aber auch nicht wirklich vertrauten Menschen zu stehen? In solchen Situationen möchte ich gerne einen Kittel haben, ein OP-Hemdchen, irgendeinen Stofffetzen, der mich nicht ganz so unbekleidet und allen Blicken ausgesetzt fühlen lässt.

Dann kommt mein Arzt. Guckt mich an. Hört mich ab. Und dann stellt er die eine Frage. Haben Sie weiter zugenommen? Ähm, ja. Leider. Wie kommt es? Ja, wie kommt das wohl. Corona. Schon mal davon gehört? Ich habe zu viel gegessen, mich zu wenig bewegt, ich hatte Frust und außerdem Depressionen. Eventuell schauen  Sie mal in meine Akte, da steht was von „Depressionen“, was eventuell eine Erklärung sein könnte. All das ist keine Entschuldigung, aber eine mögliche Erklärung. Eine, die ich gerne hätte.

Und dann kommt es. Eine wahre Tirade geht auf mich nieder, bestehend aus der 5-minütigen Wiederholung von „Sie müssen abnehmen. Dringend. Muss. Jetzt. Geht nicht so weiter. Jetzt. Dringend.“ Dabei blickt er mich an, als würde er mir davon abraten, weiter zu koksen oder Heroin zu spritzen. „Ich kann Ihnen dabei ja nicht helfen.“ Ja, toll. Danke. Für nichts.

Hier hätte ich gerne mehr Einfühlungsvermögen gespürt. Aber auch mehr Initiative. Mehr „Wir schauen mal woran es liegen könnte – Ich helfe Ihnen dabei – Eventuell gibt es eine medizinische Erklärung dafür – Es liegt an den Medikamenten, die Sie nehmen – Ich lasse Sie hiermit nicht allein“. Aber ich bekomme – Nichts. Ich werde abgestempelt. D-I-C-K. Bämm! Mitten auf die Stirn, so fühlt es sich an.

Wahrscheinlich wird so ein Gespräch jeden Tag geführt. So herablassend. So verurteilend. Was, wenn ich es jetzt nicht schaffe, habe ich dann versagt? Ist das alles meine Schuld? Wird nicht mal hinterfragt, warum das so ist, warum ich Übergewicht habe? Warum bleibt das alles an mir hängen? Natürlich weiß ich, dass es das letztendlich eh immer bleibt. Aber wo bleibt das Hinterfragen?

Ich möchte nicht einfach so abgestempelt werden. Die faule, schwache Dicke. Ich weiß, dass ich was tun muss. Und ja, ich schäme mich auch für mein Gewicht. Aber so eine Behandlung macht es nicht besser. Ich bin mehr als mein Gewicht – und im Übrigen sind mein Blutdruck und meine Blutwerte seit Jahren tippitoppi. Aber das zählt natürlich nicht, es zählt nur das Gewicht.

Liebe Ärzte, schaut doch mal hinter die Fassade, nehmt euch Zeit für ein Gespräch und vor allem – verurteilt nicht. Ihr seid doch auch nicht besser, wenn es um die Schokolade geht.

Nach Hause gegangen bin ich dann mit einem grünen Rezept für eine Ernährungsberatung – und hier muss ich einwerfen, dass ich ja weiß, wie das geht mit der gesunden Ernährung; Salat ist besser als Schokolade, aber Salat tröstet halt nicht so schön – und einem richtig miesen Gefühl im Bauch. Dass ich versagt habe und nicht gut bin, dass ich schwach bin.

Wie sehr mich dieser Arztbesuch beschäftigt hat, zeigt übrigens die Tatsache, dass er schon fast ein halbes Jahr her ist. Aber ich bin immer noch wütend. So richtig sickig. Darüber wie Menschen immer noch auf ihr Äußeres, ihr Gewicht reduziert werden. Und da hilft auch Heidi Klums vermeintliche Diversity nichts, kein „Liebe dich so, wie du bist“-Gebrabbel auf Instagram.

Dabei möchte ich gar nicht wütend sein. Ich möchte, dass es mir egal ist, was irgendein Arzt sagt oder denkt. Wut ist kein schönes Gefühl – aber eventuell ein Motor, um etwas zu verändern.

12 Antworten auf „Mehr als mein Gewicht

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  1. Depressionen sind keine Entschuldigung, sondern Aufforderung etwas zu tun! An sich zu verändern und nicht gleich das nächste Eis zu verdrücken mit dem Verweis Corona…ich finde deinen Text echt grenzwertig…

    1. Ich habe ja auch geschrieben, dass es keine Entschuldigung ist, sondern eine Erklärung dafür. Ich ändere fast jeden Tag, etwas an mir, das meiste sieht man nur nicht. Was ich mir wünsche, ist ein Blick hinter die Fassade.

    2. Dann hast du leider noch nie in einer heftigen Depression gesteckt.
      Und hattest ein anderes psychisches Problem. Leider ist das eines der Begleiterscheinungen und hat auch viel mit dem Hormonhaushalt unter Stressbelastung zu tun.
      Und hier einfach mal einen raus zu hauen ohne seinen Namen zu nennen ist schon ganz schön feige.

  2. Sie stellen den Genuss vor die Gesundheit, lieber Fett wie fit.
    Sie kaufen lieber Bücher, Plüschtiere und für diese Babykleidung, statt für sich zu investieren und das Leben in Sie Hand zu nehmen. Abstoßend!

    1. Sie scheinen mich ja ganz genau zu kennen. Abstoßend ist hier nur Ihr Kommentar. Nichts von dem, was Sie behaupten, habe ich so geschrieben. Aber gut, kann man so sehen, wenn man unbedingt will. Karma is a bitch!

    2. Abstoßend, verletzlich und völlig daneben ist hier nur eines, nämlich Dein dummer Kommentar….

    3. Andrea, sie sollten sich doch auch mal das ein oder andere Buch kaufen. Den lesen Bilder und verhindert den ein oder anderen dummen Kommentar.

    4. Abstoßend ist hier nur die Arroganz und Gefühllosigkeit, mit der hier über eine Frau mit Depressionen geurteilt wird. Es ist jedem selbst überlassen, wofür er/sie/es sein Geld ausgibt. Und GRADE bei Depressionen kann es helfen, sich selbst etwas (in den Augen anderer) völlig „unsinniges“ zu gönnen. Ich leide selbst an Depressionen (unter anderem), versuche, nach einer Hirnblutung und daraus folgendem 2-monatigem Wachkoma wieder auf die Beine zu kommen und weiß, wie schwer es ist, diszipliniert und „vernünftig“ zu sein. Ja, gesunde Ernährung ist wichtig, Abnehmen auch, ABER wichtiger ist: LEBEN….und das JEDEN TAG….

  3. Liebe Claudia, mach Dir nichts aus diesen dummen Kommentaren. Diese Menschen haben keinerlei Ahnung was in uns vorgeht, was sich in unseren Köpfen abspielt. Gedanken, die wir nicht steuern können.
    Ich oute mich als Ess Süchtig, habe schon Therapien hinter mir… Erfolglos 😞
    Aber ich gebe nicht auf… ich bin ich , ob Dick oder Dünn. Liebe Dich wie du bist, du bist eine tolle und starke Frau.

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