Diese Schuhe wurden für Heldentaten gemacht

16. August 2018. Es geht los. Entgegen aller meiner Erwartungen habe ich es tatsächlich geschafft und einen Praktikumsplatz ergattert. 4 Wochen in einer großen Kölner Buchhandlung. Und ich habe Angst. Dabei ist es doch genau das, was ich wollte – schauen, wie ich mich in einer Buchhandlung fühle, zwischen den ganzen Kunden, die mich womöglich auch noch ansprechen werden. Und zwischen den ganzen Büchern – eigentlich sollte das genau mein Element sein. „Du liebst die Bücher – und die Bücher lieben dich.“

Ja, schon. Aber 6 Stunden am Tag? 6 Stunden am Tag gehen und stehen und reden? Und was mache ich, wenn mich die Angst einholt und überwältigt? Weglaufen geht schlecht – also, schon – kommt nur nicht so gut an und Aufgeben ist keine Option.

Für das Gehen und das Stehen müssen deshalb neue Schuhe her. Grau mit einem rosa Haken sind sie – und das, obwohl ich eigentlich gar kein rosa mag. Meine Praktikums-Schuhe. Außerdem sind sie verdammt bequem, so richtig turnschuhbequem. Und das müssen sie auch sein, wenn ich 6 Stunden am Tag auf meinen Füßen durchhalten will.

Um es kurz zu machen, springe ich jetzt direkt mal zum Ende. Ich und die Schuhe haben durchgehalten, nicht nur am ersten Tag. Auch wenn ich mich nach dem ersten Tag kaum noch bewegen konnte, meine Füße ein einziger Schmerz waren.

Auch, als ich am liebsten weggelaufen wäre, haben mich meine Schuhe in aller Seelenruhe weiter getragen – nur nicht aus der Buchhandlung hinaus. Sie haben mich an Ort und Stelle gehalten. Denn es ist laut. Jetzt, wo ich mittendrin bin im Trubel, bemerke ich erst, wie hoch der Geräuschpegel ist. Wie viele Menschen hier sind. Rechts, links, hinter mir, finden Gespräche statt und ich kann kein einziges aublenden, will überall gleichzeitig sein. In dieser Situation zieht mein Gehirn die Notbremse – und schaltet alle Eindrücke von außen ab. Ich bin in einer Blase und stehe neben mir. Alles wird unwirklich. Kein angenehmes Gefühl, aber ein notwendiger Notfallmechanismus. Jetzt kann ich mich wieder auf eine Aufgabe fokussieren, einfach Buch für Buch ins Regal an seinen richtigen Platz stellen. Eine schöne und sichere Routine. Und dann bin ich wieder da und dann ist es auch schon Feierabend. Ich habe einen weiteren Tag überstanden, ohne zu wissen, ob ich Spaß hatte oder nicht. Ja und nein. Bin ich gerne hier? Ja und nein. Morgen werde ich wieder hier sein und am Abend mit denselben Fragen wieder nach Hause gehen. Und am Tag danach wieder. 4 Wochen lang.

Ich bin ein Kind im Süßigkeitenladen – nur mit Büchern. Hoffnungslos reizüberflutet. Unter ständiger Beobachtung durch Kunden, die alle die Aufschrift „Praktikantin“ auf meinem Namensschild übersehen haben. Andererseits – dann sehe ich wohl aus wie eine echte Buchhändlerin. Immer wieder die gleichen Fragen beantworten, immer wieder herausgefordert sein, eine Antwort zu wissen. Und immer wieder dieser Blackout, wenn man mich nach Empfehlungen fragt. Ich, die ich sonst 50-60 Bücher im Jahr lese, habe das Gefühl, noch nie ein Buch gelesen zu haben. In meinem ganzen Leben.

Mein Fazit? Ich liebe Bücher. Von ganzem Herzen. Und ich will nie wieder ohne sie sein. Auch beruflich. Und vermutlich bin ich innerlich auch wieder ein Stück gewachsen. Ich bin nicht weggelaufen – und das wollte ich nicht nur einmal. Ich habe mich meiner Angst gestellt und unangenehme Gefühle ausgehalten.

Vor dem Praktikum waren es nur Schuhe. Schuhe, die ich einzig und allein zu einem Zweck gekauft habe – sie sollten mich durch das Praktikum tragen. Danach sind sie ein wenig zu einem Symbol für das überstandene Praktikum geworden. Am Anfang wusste ich nicht wirklich, ob sie zu mir passen. Hellgrau war ja okay, aber rosa? Wirklich? Und eine Nummer größer als üblich waren sie außerdem. Wie das Praktikum – scheinbar eine Nummer zu groß für mich. Aber im Endeffekt doch passend.

Sie haben mir einen festen Stand gegeben, Buchhandlung einen festen Stand geben, wenn der Untergrund wackelig war. Den harten Boden der Realität ein wenig abgefedert. Mich unterstützt. Sie waren meine Superschuhe, die mir Superheldinnenkräfte verliehen haben, auch wenn ich mich ganz klitzeklein und schwach gefühlt habe. Wenn das Ende der 4 Wochen so weit weg war wie eine Reise zum Mars. Ich war dann nicht ich. Ich war Mrs-Ich schaffe-das-Supergirl.

Heldin. In verdammt coolen Schuhen.

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