Baby Steps: Die Kunst der kleinen Schritte

Es gibt Tage – und das sind nicht wenige – da fühle ich mich langsam. So richtig schneckentempo langsam. Nicht, wenn ich so die Straße entlang laufe und mich links jemand mit schnellen, klappernden Absatzschritten überholt, das ist mir egal, ich schlurfe auch weiter in meinen Schlappen vor mich hin. Nein, ich meine auf das Große und Ganze bezogen, auf mein Leben. Und dabei mache ich immer und immer wieder den gleichen kapitalen Fehler – ich vergleiche mich mit anderen Menschen. Mit gefühlt allen anderen Menschen und ja, ich weiß, dass das keine gute Idee ist; auch weil ich bei dem Vergleich immer schlecht wegkomme. Egal, was es ist. Andere sind schlanker als ich. Hübscher. Netter und charmanter. Redseliger und geselliger. Erfolgreicher. Verheirateter. Weiter.

Gefühlt meine ganze Stufe ist nach dem Abi in Siebenmeilenstiefeln davon geprescht, um sich selbst zu verwirklichen – und hat das auch geschafft. Anfangs bin ich noch mitgelaufen, schnell voran, weit weg, immer weiter und dann bin ich immer langsamer geworden und nein, nicht nur stehengeblieben, ich bin so richtig der Länge nach auf die Nase gefallen, weil ich mir selbst ein Beinchen gestellt habe. Oder vielmehr dieses Arschloch von Angst und seine Schwester Depression. Da lag ich dann und habe die anderen an mir vorbeilaufen sehen, bis ich sie nur noch als kleine Staubwolke in der Ferne erahnen konnte. Auf der Strecke geblieben im ganz großen Stil.

Und dann habe ich mich in mühevoller Kleinstarbeit wieder aufgerappelt. Habe mich in tausend Einzelteilen wiedergefunden und angefangen, diese wieder zusammenzusetzen. Ich mag Puzzle, aber wieso müssen hier alle Teile gleich aussehen? Wo sind die Ecken? Wo fange ich an? Irgendwann hatte ich etwas zusammengebaut, das in etwa so aussah, wie ich mich in Erinnerung hatte. Was ewig gedauert hat; und um ehrlich zu sein, dauert es immer noch an, denn nicht alle Teilchen sind am richtigen Platz gelandet und bei einigen weiß ich gar nicht mehr, ob sie überhaupt jemals zu mir gehört haben. Dafür habe ich andere Teilchen wohl für immer verloren – oder ich finde sie irgendwann mal wieder, in der hintersten Ecke.

Dieses Wesen – Ich – ist dann losgegangen. In ganz kleinen Schritten. In geradezu winzigen Schritten. In Baby Steps, wie ich es heute nenne, denn das klingt viel positiver als meine früheren Bezeichnungen – Schneckentempo, Hinkebein, Krückenlauf, Auf-der-Stelle-laufen. Wenn ich jetzt zurückschaue, dann habe ich damit schon einen ziemlich langen Weg zurückgelegt. Ich habe zwar nicht die Erde umrundet, aber eine kleine Insel ist es schon. Bis zur Brücke sogar, und ab und zu auch zurück aufs Festland. Mittlerweile an mehr Tagen als ich es mir hätte vorstellen können.

Ich fahre jeden Tag mit der Straßenbahn zu meiner beruflichen Reha, vor drei Monaten erschien mir das noch ganz und gar unmöglich. Jeden Tag? No way. Nächste Woche versuche ich es sogar mit 30 Stunden. Und ich beginne mein Praktikum. Ob ich das schaffe? Wir werden sehen. Was ich eigentlich sagen will ist, dass mir Dinge, die mir vorher unmöglich erschienen sind, doch gelingen. Nicht einfach so, aber trotzdem. Trotzdem ich immer noch Angst habe und mich unwohl fühle und mich geringfügige Änderungen in meiner Tagesstruktur in tiefe Grübeleien stürzen können. Trotzdem trägt mich so etwas wie Routine – oder auch Mut, was für ein verwegener Gedanke –  Tag für Tag aus meiner Komfortzone, immer ein Stückchen weiter. Und immer mehr undenkbare Dinge geraten in den Fokus des Möglichen. Nach und nach. Sehr langsam vielleicht, aber wenn ich nur darauf vertraue und Geduld habe, dass all das mich weiterbringt, dann komme ich Tag für Tag ein Stück weiter – vielleicht nicht ans Ziel, weil es das immer noch nicht gibt, aber weiter.

Mit Baby Steps. Mit denen hatte ich immer wieder Zeit um mir die Blumen am Wegesrand anzuschauen, um mal innezuhalten und an ihnen zu riechen. Um mich mal hinzusetzen und einen Kaffee zu trinken. Und um dabei viele wichtige Erfahrungen zu machen. Um Dinge reifen zu lassen. Mit Siebenmeilenstiefeln wäre ich vermutlich schon längst am Ziel – aber hätte ich dann die Blumen gesehen? Die Rosen, die Stiefmütterchen, die Tulpen, die Vergissmeinnicht und die Disteln? Könnte ich den Weg dann genau so schätzen wie jetzt? Sicher, ich hätte die Stolpersteine überfliegen können, wäre nicht immer wieder mal gestolpert, nicht hingefallen, hätte mir das wieder aufrappeln sparen können, aber wahrscheinlich würde mir dann so einiges fehlen. Der Weg würde mir fehlen, auch wenn ich ihn oft verfluche, weil er steil und steinig und matschig und staubig ist und eben keine asphaltierte Autobahn.

Dies gilt allerdings nur für gute Tage. Für wirklich gute Tage, an denen ich das so reflektiert betrachten kann. An allen anderen Tagen könnte ich heulen und schreien und verfluche diese verdammte Scheiße – sorry – die da passiert ist. An allen anderen Tagen möchte ich die Zeit zurückdrehen und alles vergessen und ungeschehen machen und nochmal von vorne beginnen. Alles anders machen. Scheiß auf die Baby Steps, ich nehm einmal Siebenmeilenstiefel, bitte!

Aber trotzdem, egal in welcher Stimmung, gehe ich diesen Weg jetzt in  meinem eigenen Tempo; wenn es nötig ist, in Baby Steps, diesen winzig kleinen, teilweise sehr wackeligen und unsicheren Schrittchen. Die sich manchmal eher wie Stillstand anfühlen. Oder wie Rückschritte in Siebenmeilenstiefeln, mitten in eine Sackgasse hinein. Das gilt es dann, auszuhalten. Sich die Fortschritte, seien sie auch noch so klein und scheinbar unbedeutend, immer wieder vor Augen zu halten.  Nein, das ist nicht immer leicht und Xavier Naidoo singt auch nicht dabei. Zum Glück.

Für mich ist dieses Konzept der Babysteps überlebenswichtig geworden. Viele kleine Schritte, langsame Schritte führen irgendwann auch zum Ziel, genauso wie Siebenmeilenstiefel – und manchmal ist es wie verhext, da kommt man mit Baby Steps sogar schneller ans Ziel. Mir wurde mal der Rat gegeben, mir ein Paar Babyschuhe zu kaufen und an einen für mich wichtigen Platz zu stellen, um mich immer wieder daran zu erinnern, dass ich auch so ans Ziel komme. Und dass es völlig in Ordnung ist, in seinem eigenen Tempo zu reisen. Nach und nach kommt das bei mir an, nach und nach kann ich das umsetzen. Immer besser und ich stehe dabei immer stabiler in meinen kleinen Schühchen.

Ich lasse mich nicht mehr hetzen, ich folge keinem Plan mehr, keinen Erwartungen. Klingt egoistisch und ist es vermutlich auch, aber für mich funktioniert das nur so. Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht. Dann reißt man es nämlich aus, wenn man zu fest dran zieht, mitsamt den Wurzeln und dann wächst da gar nichts mehr. Genauso fühle ich mich, wenn man mich zu Dingen drängt, die ich nicht will, oder wenn man mich zu schnell in eine Richtung schubsen will. Ich will den anderen zuflüstern, „Vertrau darauf, das wird schon werden.“, und dann will ich es vor allem mir selbst ins Ohr flüstern, ganz liebevoll und anfangen, auch daran zu glauben. Und mit dieser Gelassenheit will ich dann weitergehen, einen Baby Step nach dem anderen.

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