„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“
Auf viele mag so ein Zitat motivierend/mutivierend wirken – und es gibt tausende davon, vor allem zum Thema Neuanfang bzw. Veränderung. Aber mir machen Neuanfänge und Veränderungen vor allem Angst, da hilft mir auch der gute Hermann Hesse nicht und auch sonst kein anderer. Um ehrlich zu sein, finde ich in solchen Momenten diesen ganzen Mutivationskram einfach nur blöd – saublöd und zum Kotzen. Da liegt kein Zauber in der Luft, kein Feenstaub, kein Konfetti und auch keine Einhornmagie. Was soll also dieser Zauber sein, der so lebensnotwenig sein soll? Gibt es diesen Zauber überhaupt oder ist das nur ein Trugbild, eine Notlüge, die notwendig ist, um überhaupt einen Anfang zu wagen und nicht im Alten zu verharren? Geh los, da vorne an der Ecke, da wartet der Zauber auf dich und wenn er nicht an der nächsten Ecke wartet, dann an der übernächsten. Bleib bloß nicht stehen, irgendwo wartet dieser verfickte Zauber schon auf dich, mitten im Neuanfang.
Vermutlich liegt in diesem ganzen Chaos irgendwo versteckt ein Zauber, den nur ich nicht erkenne, weil meine Angst zu groß ist und im Weg steht, wie ein Riese, der mir die Sicht versperrt. Dass darin eine Chance liegt – die Chance, alles im Leben nochmal umzukrempeln und etwas ganz Wunderbares aus den Trümmern und Scherben zu bauen, die man vorher sein Leben genannt hat – tief unten drin in meinem Gefühlschaos habe ich das schon erkannt. Auch, dass ich dafür dankbar sein sollte, diese Chance zu bekommen – was ich auch bin, keine Frage – eben mehr so innerlich.
Wieso fühle ich mich dann undankbar und nörgelig, wenn ich mich nicht freuen kann, wenn ich nicht mal ein wenig Neugier verspüren kann, wenn da einfach nur Angst als Gefühl übrig bleibt. Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten; und das ist doch auch ein nachvollziehbares Gefühl ist, das seine Daseinsberechtigung hat. Solange es mich nicht lähmt.
In meinem Fall heißt dieser Neuanfang ab Montag „berufliche Rehabilitation“. Klingt groß und bedeutsam, nicht wahr? Googelt das mal, wenn ihr euch darunter nichts vorstellen könnt. Es klingt so, als ob da viele Erwartungen und Hoffnungen mit verknüpft wären, ganz fest, mit vielen gordischen Knoten und Bleigewichten dran, die mich damit in die Tiefe ziehen und ganz unbeweglich machen vor lauter hoffen wollen und Erwartungen erfüllen wollen, die anderer Menschen und besonders die meinen.
Eigentlich habe ich dabei nichts zu verlieren, wovor also die viele Angst? Ich tausche diesen, meinen Alltag gegen einen neuen, und seien wir mal ehrlich – dieser alte Alltag ist nichts, woran man mit gesundem Verstand festhalten sollte. Trotzdem tue ich es, denn er ist mir vertraut, bietet keine unangenehmen Überraschungen – aber auch keine Veränderung. Nichts, was ich nicht guten Gewissens hergeben könnte. Und das seit 1 ½ Jahren – eine lange Zeit, aber auch lang genug, um sich in einer eigenen kleinen Welt einzurichten und das Draußen ein wenig zu vergessen. Diese Welt gebe ich auf, so fühlt es sich an, ich muss sie verlassen – ich MUSS, nicht ich DARF, ich KANN. Und wer würde Abwasch und Bügelwäsche schon als liebgewonnene Rituale bezeichnen, die er nicht ohne mit der Wimper zu zucken gegen Leben und Abenteuer und Chancen eintauschen würde? Ich.
Und dann gebe ich noch etwas auf – meine wöchentliche Ergotherapie. Letzte Woche habe ich meine Schürze über den Stuhl gehängt, mein letztes, noch unfertiges Bild mitgenommen und habe mich verabschiedet. Mit Tränen in den Augen, obwohl ich mir vorgenommen hatte, nicht zu weinen. Ich habe dort so tolle Menschen kennengelernt; der kleine Werkstattraum wurde zum Treffpunkt mit liebgewonnenen Freunden, ein Ort zum Kaffee trinken und Kekse essen, zum malen, Speckstein schleifen, basteln, hämmern, ausprobieren, ausleben, lachen und quatschen. Und zum Quatsch machen. Zum Probleme mal vergessen und zur Ruhe kommen, zum Energie tanken und zum mutig sein. Der Weg dorthin war auch nicht immer einfach, aber ich bin ihn jede Woche gegangen und war hinterher immer dankbar, dass ich es geschafft habe. Dass ich mir diesen positiven Termin nicht zerredet oder von der Angst kaputt machen lassen habe.
Es war eigentlich von Anfang an klar, dass ich so nicht ewig weitermachen können würde, denn nichts hält für immer – doch ey, warum denn nicht? – aber muss das Ende gerade jetzt kommen? Hier lag doch mein Zauber, meine Krafttankstelle. Es ist, als würde ich das Tor zum Garten schließen und eine Tür zu einem Raum öffnen, der noch im Dunkeln liegt, und ich habe Angst im Dunkeln.
All das gebe ich nun auf für dieses Dunkel, dieses gänzlich Unbestimmte, fürs keinen Plan haben und noch weniger Ahnung? Für eine Maßnahme, bei der ich nicht wirklich weiß, was mich erwartet und wohin mich die Reise führen wird? Genau dafür, und wenn ihr jetzt genau hinhört, dann könnt ihr mich tief durchatmen und noch schwerer seufzen hören.
Ich habe keinen festen Plan. Muss ich das denn? Ich hätte ihn gerne. So richtig generalstabsmäßig, am besten eine ganze Liste mit Schritt-für-Schritt-Anleitung. Zum Abhaken, wenns erledigt ist. Habe ich aber nicht, und genau das macht mir die meiste Angst – und mir fällt auf, dass ich das Wort „Angst“ ganz schön oft verwende. Wie eine Neonreklame leuchtet es in meinem Kopf auf, störend, penetrant, blinkend und selbst mit geschlossenen Augen kann ich sie noch sehen. Aber all das muss ich wohl mal aushalten und anderen gegenüber vertreten lernen, dass ich Angst habe, und keinen Plan, auch wenn „die“ (Wer auch immer das sein mag. – Arbeitsamttanten, Sozialarbeiter, Maßnahmenmitarbeiter, die grauen Herren) vielleicht erwarten, dass ich eben genau so einen Plan schon in der Hinterhand habe.
Ich muss gar nichts. Für mich wird die tägliche Fahrt zur Maßnahme schon anstrengend sein, das tägliche Nest-verlassen, das Aushalten von Angst und negativen Gefühlen. Reicht das denn nicht für den Anfang? Und dann schauen wir weiter? Ja? Und wäre das eventuell auch mit mir selbst vereinbar?
Und um nochmal zum Anfang zurückzukommen – Was soll dieser dämliche Zauber in dem Ganzen sein? Wo versteckt sich in dem ganzen Zirkus meine Neugier auf das Neue? Ich würde mich nämlich durchaus als neugierigen Menschen bezeichnen. Wirklich. Und wenn das nicht der Zauber sein könnte, was dann?
Vielleicht ist dieser ganze Zauber subtiler und kein Feuerwerkszauber mit Raketen und bunten Sternen, vielleicht zeigt er sich nicht schon am Anfang, obwohl er längst da ist. Vielleicht liegt der Zauber darin, es jeden Tag von neuem anzugehen und sich darauf einzulassen, auf die Chance und die Veränderung. Ganz ohne festen Plan. Vielleicht ist Mut der Zauber.
Viel Glück. Ich kann dich so gut verstehen. Ich hatte Anfänge des Jahres eine Wiedereingliederung und soviel Angst davor. Selbst jetzt, gehe ich nicht gelassen zur Arbeit. Ich möchte in naher Zukunft mein komplettes Leben verändern. Und habe Angst .
Angst vor der Zukunft, obwohl man mit jeder Veränderungen auch positive Erfahrungen macht.
Ich wünsche dir viel Erfolg und Mut.