Dürfen und seine Erwartungen

Manche Texte brauchen einen konkreten Anlass, um geschrieben zu werden – auch wenn das Thema schon länger in meinem Kopf rum spukt. So wie dieser.

Seit einem halben Jahr hat sich mein Leben mal wieder verändert. Edit: Seit 10 Monaten. Ein Wunder ist geschehen. Gibt es immer wieder. Tatsächlich. Ich bin in einer Umschulung. In Teilzeit. So wie ich es wollte. Eventuell erinnert ihr euch noch an meinen Text zu Absurdistan. Geht nicht und so. Plötzlich ging es doch, und dann auch ganz schnell. Läuft auch super, danke der Nachfrage. Ich werde also Kauffrau für Büromanagement, wen es im Detail interessieren sollte. Büromäuschen. Oder Bürohäschen. Natürlich nicht – nennt mich bloß nicht so.

Also könnte doch alles gut sein. Ende des Textes, alle freuen sich, alle gehen sich jetzt einen Kaffee oder Tee holen und machen da weiter, wo sie eben aufgehört haben.

Nein. So einfach ist das leider nicht. Denn da sind ja noch meine Gedanken, die sich immer wieder darum drehen, ob ich überhaupt ein Anrecht darauf habe, „nur“ in Teilzeit zu arbeiten.

Teilzeit, das ist doch was für Mütter. Für Väter. Alleinerziehend oder nicht. Für Menschen mit Kindern, um die man sich kümmern muss. Die habe ich aber nicht. Und nun? Wessen Vorstellungen von der Welt gehen da gerade in Flammen auf?

Habe ich dann immer ein Anrecht auf Teilzeit? Wie soll das denn mal werden, wenn ich auch später nur in Teilzeit arbeiten kann? Keine Karriere und keine Familie – bin ich der Alptraum für Konservative und Liberale gleichermaßen?

Und was heißt das Alles für mich ganz persönlich? Bedeutet es, Abschied zu nehmen von einem Leben mit Karriere. Von einer Vorstellung von einem Leben – Mann, Kinder, Haus, Beruf – alles schön und erfolgreich und wenn ich anderen davon erzähle, auf Klassentreffen oder zufällig auf der Straße, dann möchten sie auch so ein Leben haben?

Jetzt bin ich diejenige, die andere so anguckt und sich fragt warum nicht und was ist schief gelaufen. Die sich immer wieder vor anderen rechtfertigen will, warum es nicht so gelaufen ist. Die sich immer wieder rechtfertigen muss, warum es nicht so geht, wie es sollte.

Als wäre das nicht genug, kommen noch die Erwartungen der Gesellschaft hinzu. Oder die Erwartungen, von denen ich denke, dass sie an mich gestellt werden. Plus die des Jobcenters. Oder anderer, die meinen, sie würden mich besser kennen, als ich mich selbst, was die Sache mit der Teilzeit im Besonderen und was mich als Person im Allgemeinen betrifft.

Vollzeit, das geht schon, sagen sie. Kann ich doch so aus der Akte lesen. Hat XY doch so geschrieben. Da muss ich Sie doch gar nicht fragen.

Doch, musst Du. Und nein, es geht nicht. Wie oft musste ich solche Diskussionen schon führen. Und wie oft hat das zu einem Ergebnis geführt? Kleiner Spoiler: NIE.

Ich warte auch beinahe täglich auf die Frage: „Wie viele Kinder hast du?“ Und wenn ich dann sagen muss: „Keine“, auf die Reaktion: „Ja, aber wieso dann Teilzeit?“ Und dann gehen die Erklärungen los, die Rechtfertigungen, das schuldig fühlen, das Gedankenkarussell …aber ist das wirklich so? Wird das so passieren oder bilde ich mir das nur ein?

Und wenn es passiert, wie schlimm ist das dann? Wie sehr muss mich das kümmern, was mein Gegenüber danach von mir denkt, wie sehr seine oder ihre Vorstellung von der Welt dadurch erschüttert wird?

Das Wichtigste aber: Bei all dem wird immer wieder vergessen – und dabei klammere ich mich selbst auch gar nicht aus – dass ich das zuerst mit mir selbst vereinbaren muss. Dass ich die Tatsache, dass ich vermutlich nie in Vollzeit werde arbeiten können, zuallererst für mich selbst akzeptieren muss. Weil ich es nicht kann. Punkt. Ende der Diskussion.

Was so einfach klingt, ist ein langer Prozess. Es beginnt so langsam, dass ich das für mich erkennen kann. So ganz langsam bin ich auch fein damit, wenn mich jemand fragt: „Andere machen doch auch Vollzeit, wieso du denn nicht? Vor allem, da du dich ja nur um dich selbst kümmern musst.“

Ja, aber mich um mich selbst zu kümmern, das ist für mich schon anstrengend genug, quasi mein Vollzeitnebenbeijob. An manchen Tagen sind 5 Stunden Unterricht schon alles, was ich an Produktivität leisten kann. Dann liege ich nachmittags auf dem Sofa und bin froh, wenn ich noch Energie zum Lesen habe. Und dann gibt es wieder Tage, an denen es anders ist. All das ist völlig in Ordnung.

Muss ich mich also schuldig fühlen wenn ich „nur“ in Teilzeit arbeite? Nein. Ich habe da auch keine Lust mehr drauf.

Ich habe keine Kinder, ich habe „nur“ Depressionen.  

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