Vor 11 Jahren erschien Kathrin Weßlings Debütroman, und vor 11 Jahren habe ich ihn zum ersten und bis jetzt auch einizgen Mal gelesen. Seitdem steht das Buch in meinem Bücherregal und ist ganz selbstverständlich immer mit umgezogen. Weil es zu den Büchern gehört, die mir was bedeutet haben und noch immer bedeuten. Weil es damals topaktuell für mich war und mich sehr bewegt hat, weil ich mich darin verstanden gefühlt habe, wie lange nicht mehr.
Vor 11 Jahren hatte ich noch einen kleinen Literaturblog, auf dem ich gänzlich unbeachtet von der Welt Rezensionen veröffentlicht habe – so auch zu diesem Buch. Und, wie gut, dass ich manche Sachen aufhebe. Eben auch diese Rezension schlummerte in den Untiefen meiner Festplatte vor sich hin. Aber ist sie immer noch aktuell, drückt sie immer noch was, was ich beim Lesen des Buches empfinden würde, kann ich zu dem Empfindungen und Gedanken von damals noch eine Verbindung aufbauen? Und wie sieht mein Resümee zu Drüberleben heute aus?
Für die bessere Unterscheidbarkeit ist meine alte Rezension in blau gehalten, alles neue in schwarz.
Depressionen sind kein Grund, traurig zu sein? Schon der Untertitel ist reine Provokation, denn wenn nicht Depressionen traurig machen, was dann? Macht Kathrin Weßling sich da etwa über etwas sehr Ernstes lustig?
Mittlerweile finde ich den Untertitel etwas ausgeleiert, zu oft benutzt, um noch etwas in mir hervorzurufen. Provokant finde ich ihn nicht mehr, jedenfalls nicht genug, um damit eine Rezension zu beginnen.
Nein, macht sie nicht. Sie erzählt vielmehr schonungslos die Geschichte einer jungen Frau mit einer langen Krankheitsgeschichte. Ida ist 24 und nicht zum ersten Mal in der Psychiatrie. Doch dieses Mal soll alles anders werden. Besser. Endlich will sie die Monster loswerden, die sie schon so lange terrorisieren. Sie will gegen die Depression kämpfen.
Wieso ist mir beim ersten Lesen nicht aufgefallen, wie viel Wut in Ida steckt? Sie ist die ganze Zeit so wütend, so zynisch, antwortet auf alles mit Ironie und Intellektualisieren, als wolle sie ihr Gegenüber zumindest mit ihrem verbleibenden Intellekt beeindrucken und wird dann noch wütender, wenn das nicht funktioniert, wenn sich niemand von ihr täuschen lässt. Glaubt sie denn wirklich, dass ihre Wut allein als Motor ausreicht, um sich wieder ins Leben zu kämpfen?
Zehn Wochen darf ich sie dabei begleiten, darf hautnah dabei sein in Therapiegruppen, durchwachten Nächten und den scheinbar sich immer im Kreis drehenden und sinnlosen Therapiegesprächen. Bei Idas Suche nach einem Platz in dem ganzen Chaos, das um sie herum und in ihr drin herrscht.
Für Ida scheinen diese Gespräche sinnlos, weil sie immer wieder mit den selben Fragen konfrontiert wird. Warum sind Sie hier? Was wollen Sie hier erreichen? Sie will sich diesen Fragen aber nicht stellen, weil sie weiß, dass die Antworten darauf schmerzhaft sein werden. Und weil sie ahnt, dass ihr die Antwort niemand geben kann, außer sie selbst. Sie selbst muss das Chaos in sich ordnen, die Therapeutin kann ihr nur die Büroklammern dazu geben. Mit 11 Jahren Abstand kann ich das auch für mich selbst erkennen – und mich selbst nicht mehr in Ida erkennen, wie ich es beim ersten Lesen getan habe. Ich bin nicht mehr Ida und irgendwie finde ich das ganz gut so.
Kathrin Weßlings Roman ist eigentlich gar nicht komisch. Traurig ist er aber auch nicht. Er erzählt die Wahrheit, und die ist weder noch oder auch beides zusammen. Vor allem aber raubt er einem jegliche Illusionen darüber, was Depressionen bedeuten, oder was ein Klinikaufenthalt bedeutet. Es geht nicht immer nur aufwärts, es ist ein ständiger Kampf mit sich selbst und dadurch auch mit den Therapeuten.
Mittlerweile habe ich genug Therapiegespräche erlebt, um zu wissen, das die manchmal zäh sind, ganz schön oft sogar. Da gibt es nicht in jeder Stunde den großen Durchbruch mit Tränensturzbächen und danach die ganz große Erkenntnis, warum das Leben so ist, wie es ist und was da alles schiefgelaufen ist in der Kindheit. Es ist Arbeit und Schweigen und mit allem Hadern und Widersprechen und Frustration und diese aushalten. Und eben auch Wut, weil niemand mit der großen, goldenen Antwort um die Ecke kommt.
Ida ist keine einfache Persönlichkeit, aber sie kämpft. Immer wieder gerät sie mit den Ärzten aneinander und eckt an. Ihr größter Kampf ist aber der um Anerkennung und Akzeptanz, denn in ihrem Umfeld stößt sie immer nur auf Unverständnis. Dort ist sie nur die kranke Ida, die irre Ida, die schon wieder in der Klapse ist. Ihre Krankheit bringt ihre Freunde und Familie an den Rand ihrer Geduld und darüber hinaus. Aber hat Ida nicht ein wenig mehr Unterstützung verdient, auch wenn es schwer fällt?
Ida ist teilweise so ätzend, so gefangen in ihrer Art, ihre Mitmenschen aus Angst vor zu viel Nähe vor den Kopf zu stoßen, dass ich sie am liebsten schütteln möchte. Ihre ganze Ironie und ihre klugen Sprüche gehen mir so auf die Nerven – wahrscheinlich auch, weil ich in ihr mein eigenes Ich von vor 11 Jahren erkenne. Eine junge Frau in einer für sie ausweglosen Situation, eine Versagerin vor dem Herrn, die nichts auf die Reihe kriegt, die keine Perspektive im Leben sieht. Die aber auch die Lösung auf einem Silbertablett serviert bekommen möchte, als Schritt-für-Schritt-Anleitung mit schönem buntem Stift zum Abhaken. Die am liebsten nicht selbst ran möchte an ihre Dämonen, die sollen bitte die Therapeuten in Ghostbustermanier aufsaugen. Tun sie aber nicht, das tut niemand für Ida.
Ich hatte nebenbei auch ganz vergessen, wie gut Kathrin Weßling Idas Umfeld und deren Reaktionen portraitiert, ihr „Sei doch mal glücklich“ und das ganze Unverständnis für Idas Gefühlswelt. Die ganze Ungeduld darüber, dass Ida immer noch krank ist, wie lange soll das denn noch so weitergehen. Dass Ida versucht, auch für ihre Eltern „normal“ zu sein und ihr das nicht gelingt, und dass daher eventuell auch ein großer Teil ihrer Wut herrührt, aus der Verzweiflung, dass sie es nicht schafft, den Ansprüchen ihrer Eltern zu genügen.
Drüberleben ist ein besonderer Roman über Depressionen, er plädiert für mehr Toleranz und Geduld im Umgang mit Kranken, und was ihn so authentisch macht, ist dass er ehrlich ist. In ihrem Blog drueberleben.de erzählt Kathrin Weßling ihre ganz eigene Krankheitsgeschichte, ihre Gedanken zu dem Thema.
Der Blog existiert heute nicht mehr, aber folgt Kathrin Weßling doch gerne auf Instagram (@ohkathrina).
Im Gegensatz zu vielen anderen Romanen und Ratgebern ist Drüberleben auch deshalb so besonders, weil er offen und schonungslos ist; Ida wird nicht in eine rosa Klinikwattewelt gepackt, in der alles nur besser werden kann und sie nur mit Samthandschuhen angepackt wird.
Ida ist hier nicht die arme kranke Maus, sie muss sich an Regeln halten, die in der Klinik vielleicht noch strenger sind als außerhalb. Ein festes Gerüst, an dem sie sich festhalten kann – so habe ich das jedenfalls immer empfunden.
Ein bisschen rosa ist es allerdings manchmal schon in einer Klinik, es ist ein ganz eigener Kosmos mit einer eigenen Dynamik; eine Welt, in der die Zeit anders verläuft als draußen; eine geschützte Blase, in der gelacht und geweint wird, beides intensiver als außerhalb.
Vielleicht raubt Kathrin Weßling mit ihrem Roman die Illusion, Depressionen seien wie ein Schnupfen im Kopf, ein paar Medikamente, ein paar Gespräche, und alles ist wieder gut. Aber so ist es eben nicht.
Die Suche nach den Ursachen kann lang und schmerzhaft sein, wenn man sich darauf einlässt. Muss man natürlich nicht, man kann wie bei einem entzündeten Zahn immer wieder die Symptome behandeln, immer wieder, ein Leben lang, ohne etwas zu verändern, und ob das okay ist, muss jede*r für sich entscheiden.
Am Ende – und das kann ich erzählen, ohne zu spoilern – steht jedenfalls nicht die ganz große Erlösung, der große Knall und alles ist wieder gut. Weil es auch im wirklichen Leben keinen großen Knall gibt, weil es eine lange Reise sein kann und die Veränderung eher schleichend daherkommt, so langsam, dass man glaubt, nichts würde sich bewegen.
Auch das macht Drüberleben so authentisch, ebenso die schnodderige Sprache, die zu Ida passt, auch wenn sie nicht mehr meine Sprache ist.
Vielen Dank für diesen Roman!
Immer noch vielen Dank. Auch wenn ich mittlerweile der 24jährigen Ida ein wenig entwachsen bin, ich nicht mehr ihren Zorn auf die Welt teile, meistens jedenfalls nicht, sie mich nicht mehr mit ihren intellektuellen Sprüchen beeindrucken kann und ich hinter ihrer Fassade blicken kann. Und auch meistens hinter meine eigene.
Vor 11 Jahren war ich Ida, habe wie sie gefühlt und oft auch gedacht, aber ich bin heute nicht mehr da, wo ich vor 11 Jahren war und Ida hoffentlich auch nicht. Ich möchte mir vorstellen, dass sie trotz allem Struggle ein wenig glücklich geworden ist.
Satz des Buches: Der gesamte Prolog. Den kann ich hier aber nicht zitieren. Darum nur ein ganz kleiner Ausschnitt.
„Unmerklich wirst du Woche für Woche ein bisschen mehr zu Zement, ein bisschen mehr zu Beton, ein bisschen mehr zu dem Schatten hinter dir.“
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