Ein Geständnis vorneweg: Ich bin ein Gewohnheitstier. Ich stelle mir so ein Gewohnheitstier übrigens wie einen kleinen, leicht mopsigen Bären vor, immer ein wenig verpeilt oder verschlafen; tapsig und ein wenig unkoordiniert, leicht grummelig, aber trotzdem ganz niedlich. In etwa so wie einen kleinen roten Pandabären.
Jedenfalls, ich bin so ein Tier. Ich mag meine Umgebung am liebsten immer gleich. Und ich mag meine Routinen, mögen sie auch noch so seltsam erscheinen.
Wenn zum Beispiel im Supermarkt meines Vertrauens umgebaut wird, dann ist das gar nicht gut und kann einer kleinen Katastrophe nahe kommen. Ich übertreibe hier eventuell ein wenig, aber es geht schon in diese Richtung. Sowas kann man mir einfach nicht antun, wie soll ich mich denn jetzt noch zurechtfinden? Ich will, dass alles so bleibt, wie es schon immer war, aber das geht natürlich nicht.
Ich bin umgezogen. In eine andere Stadt und sogar das Bundesland ist ein anderes. In eine neue Welt, die zwar nur 50 Kilometer und eine Dreiviertelstunde mit der Mittelrheinbahn entfernt liegt von der alten, aber in der dennoch alles anders ist.
Hier teilen uns der Herzensmann und ich das Sofa, das Bad, die ganze Wohnung und auf dem Briefkasten und an der Klingel stehen unsere beiden Namen. So wie wir das wollten, ohne Nur-am-Wochenende und Abschiednehmen-am-Sonntagabend.
Wir haben lange gesucht – mit dieser Geschichte will ich euch nicht langweilen – aber dann war sie recht plötzlich da. Unsere Wohnung. Unsere erste gemeinsame Wohnung.
Wir lieben sie. Nichts ist hier gerade, keine Wand und keine Decke und kein Boden, was uns beim Möbelaufstellen vor ein paar Herausforderungen gestellt hat und Möbel mit Rollen sind hier auch eher von Nachteil. Es knackt im Gebälk, der Boden knarzt bei jedem Schritt, und das auf jeder Etage.
Es ist ein altes Haus, eine ehemalige jüdische Metzgerei, vor dem Eingang Stolpersteine seiner ehemaligen Bewohner, über die ich noch mehr wissen möchte. Eine steile Holztreppe, die Schuhabdrücke im Lack verewigt. Der Hauseingang hat seinen eigenen Geruch, irgendwas mit Staub, genau kann ich es nicht definieren. Alt. Leicht muffig, aber gut. Es riecht wie nach Hause kommen, und selbst im Hochsommer ist es hier immer mindestens 10 Grad kälter als draußen. Wie eine rettende Oase.
Vor dem Fenster die Straße und in Rufweite die Nachbarn von gegenüber. Man kann sich ins Fenster gucken und jetzt muss ich mich daran gewöhnen, dass wir Gardinen brauchen und ich aufpassen muss, wie ich durch die Wohnung laufe – eher nicht so spärlich bekleidet. Alles ist sehr nah und auch ein wenig eng. Und laut. Ich kann die Geräusche draußen wie drinnen nur langsam zuordnen, aber für mich ist das wichtig, um mich sicher zu fühlen.
Samstags wird schon früh morgens gebaut, renoviert, entkernt, der Schutt mit lauter Schubkarre auf einen Anhänger gekippt, der Presslufthammer dröhnt. Die Nachbarn schreien sich an, versöhnen sich wieder, hören laut Volksmusik, Immer wieder sonntags und das jeden Sonntag. Kinder schreien, Eltern schreien, die Dorfjugend kommt am Wochenende mit dem letzten Zug aus den Clubs und bemüht sich nicht, die Stimme zu senken, wenn sie angetrunken durch die Straße läuft. Ein Motor heult auf, jemand ruft nach Olli, der nicht kommt.
Als meine neue Hausärztin mich fragte, wie es mir so gefalle, hier auf dem Dorf, da habe ich das noch für eine himmelhohe Übertreibung gehalten. Dorf? Es heißt doch Stadt. Nach einem halben Jahr weiß ich, dass sie Recht hatte. Es ist ein Dorf, das sich als Stadt tarnt. Hier kann der Schützenverein mit Musikkapelle durch die Straßen ziehen, ohne das man es vorher ankündigen oder gar absperren müsste. Wenn Kirmes ist auch mal sonntags um kurz nach 6 Uhr. Morgens. An Fronleichnam zieht die Prozession durch sämtliche Straßen – es ist ebenso schön wie katholisch.
Es ist tatsächlich ein bißchen wie auf dem Dorf wohnen, nur mit intakterer Infrastruktur und irgendwie bin ich tief in mir drin auch ein Dorfkind.
Der Umzug war wie wahrscheinlich jeder Umzug. Ein bisschen Chaos, höllisch anstrengend und gleichzeitig fand ich das Kisten packen und Ausmisten auch herrlich befreiend. Möbel kaufen und aufbauen – meine heimliche kleine Leidenschaft – Lampen anbringen und jeden Tag zum Baumarkt rennen, weil was fehlt und dabei ein kleines Vermögen dort lassen. Ihr kennt es vielleicht.
In den ersten Tagen nach dem Umzug war ich jedenfalls so voller Elan. Kartons mussten ausgepackt werden, Bilder aufgehängt, es gab so viel zu tun und ich war jeden Morgen um halb 8 fit wie nichts. Angeknipst, guten Morgen, da bin ich. So, wie ich es gar nicht mehr von mir kannte oder sogar noch nie gekannt habe. All diese Energie, die da war und genutzt werden musste. Und ich dachte noch, super, jetzt wird alles endlich richtig gut, neues Jobcenter, neue Chance, neue Möglichkeiten. So wie jetzt, so wird es bleiben.
Nein.
Nach 24 Wochen und 2 Tagen scheint es, als wäre alles wieder wie früher. Morgens komme ich schwer aus dem Bett und auch tagsüber lässt sich mein Antrieb nur selten blicken. Abwasch und Wäsche bekomme ich zwar hin, aber da hinten, da winkt irgendwie schon wieder die Depression, die alte Bitch.
Dabei sollte das alles so schön werden – und versteht mich bitte nicht falsch – das ist es auch.
Aber: Jedes Mal, wenn mich jemand fragt, ob wir uns schon eingelebt haben, dann sage ich Ja, ganz automatisch. Wie sollte das Gegenüber das auch verstehen, wenn ich sage, dass es immer noch Tage gibt, an denen ich aufwache und mir erstmal bewusst machen muss – Ich bin nicht mehr in der alten Welt, sondern in der neuen Welt und die andere Person in dieser Wohnung ist mein Herzensmann und nicht meine Mutter. Diese Tage werden weniger, aber es gibt sie noch immer.
Ich kenne die meisten Wege, zum Supermarkt, zum anderen Supermarkt, zum Bahnhof, ich kann in den Zug zu meiner Mutter steigen und ich finde auch wieder nach Hause zurück. Nach Hause, das mein neues Zuhause ist und dass ich immer selbstverständlicher als dieses bezeichne.
Ich verlaufe mich nicht auf meinen Wegen, aber um ehrlich zu sein, sind sie auch sehr eingeschränkt, diese Wege. Zum Supermarkt, zum anderen Supermarkt, zum Bahnhof. Viel mehr an Variation gibt es nicht. Alleine traue ich mich noch nicht wirklich aus dieser neu aufgebauten Komfortzone, die immer noch so zerbrechlich wirkt und dessen Außenmauern ich gut schützen muss; bis hierhin traue ich mich noch alleine, aber nicht weiter.
Ich möchte meine neue Umgebung auf Fotos festhalten, es ist schön hier, im Ganzen und im Detail, aber ich habe es noch nicht geschafft, mir meine Kamera zu schnappen und loszuziehen. Ich möchte so vieles tun, Sport machen, neue Leute kennenlernen, etwas neues lernen, eine neue Sprache zum Beispiel oder auch töpfern.
Aber: Ich kenne niemanden, rede mit niemandem, bin in keinem Verein, gehe abends nicht aus, ich lebe mein Leben mit meinem Herzensmann und alles ist wie vorher, nur die Umgebung ist eine andere. Ich gebe mir Zeit, noch mehr Zeit, ich habe Geduld mit mir und meiner Umgebung. Ab und zu plaudere ich mit unserer Nachbarin im Treppenhaus, ich kann auch Small Talk, aber nicht so gut.
Als ich das erste Mal zu meiner Mutter gefahren bin, habe ich schon auf der Hinfahrt geweint. Am Bahnhof, als ich angekommen bin, in der alten Wohnung, beim Abschied. Dann nur noch in der alten Wohnung und nur noch beim Abschied, nur noch beim Abschied und mittlerweile kann ich ganz ohne Tränen und emotionales Zerreißen einmal in der Woche in mein altes Zuhause fahren. Mein Ex-Zuhause. Meine alte Welt.
Und das Fazit? Es wird. Es dauert. Es ist trotzdem schon schön.
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