Dein Blues ist nicht meine Depression

Draußen ist es grau – schon morgens. Mittags auch noch, genau wie nachmittags. Abends erst recht, da ist es sogar dunkel. Jeden Tag von neuem – und dann kommt noch Regen dazu. Nasskalter Regen. Was ich dann immer wieder höre: „Bei dem Wetter wirste ja ganz depressiv.“ Gerne auch im rheinischen Sing-Sang. Mit J statt G – im Kölschen jibbet kein Je.

Darum geht es aber nicht. Sondern darum:

Dieser Satz löst etwas in mir aus; etwas, worüber ich ein paar Zeilen schreiben muss, auch wenn ich mich dabei ein wenig so fühle, als würde ich sehr dünnes Eis betreten, an dessen Rand schon jemand ein Schild aufgestellt hat „Bitte nicht die Eisfläche betreten“. Es geht hier übrigens nicht darum, dass „man ja dann gar nichts mehr sagen darf“. Es geht um Sprache und ihre Bedeutung; ums Nachdenken über den eigenen Sprachgebrauch. Darüber, was Sprache auslösen kann.

Ja, es gibt ihn, den Winterblues. Morgens im Dunkeln aufstehen und abends von der Arbeit zurückkommen. Regen. Keine Sonne, wenig Licht. Kein Antrieb, keine Lust auf nichts – außer auf Schokolade. Aber – und das ist mir wichtig – das ist keine Depression im klinischen Sinn! Depressionen sind eine Krankheit, also vermischt das bitte nicht. Ja, es wird Winterdepression genannt oder auch saisonal abhängige Depression, aber ich tue mich schwer mit diesem Begriff, weil es für mich klinische Depressionen als Krankheit herabwürdigt. Zu einer Episode mit schlechter Laune macht – und schlechte Laune hat doch jeder mal – übrigens etwas, dass viele von Depressionen Betroffene oft zu hören bekommen. Geh doch mal in die Sonne, iss ein Stück Schokolade, beweg dich mehr. Nein. Einfach nein. Beim Winterblues sind das übrigens adäquate Mittel, aber die hat man bis zu einem gewissen Maß auch selbst im Griff, die verziehen sich spätestens im Frühjahr wieder. Im besten Fall.

Studien belegen zwar, dass das Wetter unsere Stimmung beeinflusst, aber dabei ist der entscheidende Faktor die Sonne – die auch scheint, wenn wir sie nicht sehen. Raus in die Sonne = Laune besser scheint da die einfache Gleichung zu sein. Wenn die aufgeht, dann hast du keine Depression. Sei froh darüber. Bei einer klinischen Depression ist das nicht so einfach – da helfen im worst case nur noch Medikamente oder ein Klinikaufenthalt.

Ja, ganz dünnes Eis, ich spüre es schon knacken unter meinen Füßen.

Was ich niemanden dabei absprechen will, ist, dass es ihnen tatsächlich nicht gut geht. Dass sie sich antriebslos fühlen. Gereizt. Müde. Dass sie eventuell sogar ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen sollten. Trotzdem gibt es einen Unterschied – und den sollten wir auch durch unsere Sprache kennzeichnen.  

Nagelt mich hier auf nichts fest, ich bin weder Arzt noch Psychologe, ich habe nur angelesenes Laienwissen. Und ein bisschen den Kaffee auf, was Sprachgebrauch angeht. Und Akzeptanz von psychischen Krankheiten.

Mir geht es um den Begriff. Ich weiß, dieser Begriff wird inflationär verwendet. Da wird man ja nicht nur schon depressiv, wenn die Sonne nicht scheint, auch verspätete/ausgefallene Züge, fehlendes Klopapier im Supermarkt oder immer die gleichen Sendungen im Fernsehen lösen dieses vermeintliche Gefühl sprachlich aus. Das Ding ist, Depressionen sind kein Gefühl; aber genau dadurch, dass das Wort so leichtfertig benutzt wird, zu einem bloßen Gefühl degradiert wird, wie traurig, fröhlich, wütend oder euphorisch, setzt das, was dahinter steht, herab. Zu einer Episode, einem schlechten Tag; etwas, das man selbst in der Hand hat und wenn man sich nur genügend bemüht, brav rausgeht und versucht, gute Gedanken zu haben, dann geht das auch wieder weg. Wenn es nur so leicht wäre.

Viele an Depressionen Erkrankte fühlen sich im Winter übrigens besser – da haben sie nämlich nicht mehr den Druck, rausgehen zu müssen. Es ist gesellschaftlich einfach anerkannt, sich im Winter einzumuckeln und zum Einsiedler zu mutieren – jedenfalls vorübergehend und solange man noch zur Weihnachtsfeier von Firma/Golfclub/Freund*innenrunde geht. Da werden Witze über Winterschlaf gemacht, über tonnenweise Schokolade und Kakao und Glühwein und das nennen wir dann Hygge oder Selfcare. Für an Depressionen Erkrankte ist es (jedenfalls für mich, und ich spreche hier eigentlich immer nur über mich, auch wenn ich im Plural schreibe) eine Erlaubnis zum Rückzug in die eigenen vier Wände, ins sichere Nest.

Ich persönlich liebe es – ich muss gar nichts, kein schönes Wetter ausnutzen, es gibt nichts zu verpassen, ich darf blass und pickelig sein und muss mich auf keine Weise selbst optimieren.

Also: Nein, Uschi, du wirst nicht depressiv, weil das Wetter grau ist und die Sonne nicht scheint und hör bitte auf, das Adjektiv „depressiv“ synonym zu „schlecht gelaunt“ zu verwenden. Depressionen sind keine schlechte Laune, kein schlechter Tag und auch keine schlechte Woche. Kein Bad Hair Day und kein Ich-weiß-nicht-was-ich-anziehen-soll. Kein Es-ist-so-dunkel-draußen-ich-weiß-nicht-was-ich-machen-soll und kein Ich bin-so-müde.

Du bist nicht depressiv, nur weil die Sonne nicht scheint  – also hör bitte auf, diesen Begriff für dich zu verwenden.

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