Hallo meine Liebe. Bitte entschuldige meine Direktheit, ich weiß nicht, wie ich dich sonst anreden soll, wie spricht man mit seinem 16jährigen Ich? Also falle ich am besten mit der Tür ins Haus.
Mir ist dieses Foto von dir in die Hände gefallen, Sommer 1998, Städtetrip nach London mit deiner Mutter. Einfach mal ne Auszeit von zu Hause. Sightseeing, so richtig tourimäßig inklusive Tower und Madame Tussauds. Aber darum geht es mir gar nicht.
Wenn ich mir heute dieses Bild von dir anschaue, dann finde, dass du eine verdammt coole Socke bist; und auch wenn es hier nicht um Äußerlichkeiten gehen soll, muss ich dir sagen, dass dein Outfit ist mega ist. Weil es sich nicht an irgendeinen Trend anpasst, keine Uniform ist und ich weiß, dass das nicht immer leicht war. Alle anderen (gefühlt) tragen Hüftjeans und Buffalos, aber du trägst Schlagjeans und Fake Chucks mit Blumenmuster. Du trägst keine bauchfreien Tops, du liebst deine Strickjacken und dein Smashing Pumpkins Shirt mit dem silbernen ZERO-Aufdruck. Woher ich das kenne? Es liegt noch immer im Kleiderschrank, nicht mehr wirklich schwarz und reichlich ausgeleiert und getragen wurde es auch schon lange nicht, aber es bleibt. Es wird bleiben.
Die Smashing Pumpkins mag ich heute übrigens immer noch, auch wenn ich sie schon länger nicht mehr gehört habe, sie gehören zu meinem Leben dazu. Ich bin deinem Musikgeschmack eigentlich recht treu geblieben, gut, ein bisschen mehr Mainstream ist es jetzt schon, aber immer noch eigensinnig. Manchmal jedenfalls. Früher war das allerdings nicht so leicht für dich, du Punkrockqueen. Von Boybands warst du 1998 schon längst weg – aber ja, ich weiß, dass du auch diese Phase hattest und das ist völlig okay. Ist doch egal, dass die in deiner Klasse noch daran festhalten oder irgendeine synthetische Elektrokacke hören. Du gehst eh nicht in die Disko, weil es dir da zu laut und zu voll ist und du lieber ein gutes Buch liest. Tue ich heute immer noch.
Weißt du noch, als ihr im Musikunterricht eure Lieblingsmusik mitbringen solltet und du hast einfach die Smashing Pumpkins mitgebracht? Ich glaube du hast „Jellybelly“ laufen lassen, oder war es „Where Boys fear to tread“? Ja, du wolltest damit auch ein wenig schocken, aber ich glaube, es war mehr dahinter. Du wolltest zeigen, wer du bist und für einen Moment war es dir egal, wie die anderen hinterher reagieren würden. Die dummen Sprüche waren dir für einen Moment einfach egal.
Ich wünsche mir, dass es öfter so gewesen wäre. Dass du dir das nicht zu Herzen genommen hättest, besonders diesen einen Typen, der dir die Hand hingestreckt und dann wieder weggezogen hat mit den Worten „Gib Aids keine Chance.“ Wie hirnlos war dieser Typ bitte und wieso sind diese Worte immer noch in meinem Kopf? Was für ein Problem hatte der bitte, sich immer neben dich zu setzen zu müssen und deine Ohren, deine Nase, dein Gesicht zu kommentieren? Ich wünsche mir, dass du erkennst, wie erbärmlich das ist, dass es nur seine eigenen Komplexe widerspiegelt. Nein, Jungs sind nicht eben einfach nur Jungs und so ein Verhalten ist nicht normal. Heute wird das Mobbing genannt.
Du siehst toll aus und nein, du bist auf gar keinen Fall zu dick, red dir das bloß nicht ein. Hör einfach auf, dich mit deinen schmalen Freundinnen zu vergleichen. Dann fühlst du dich auch nicht mehr so unzureichend, wenn ihr mal wieder unterwegs seid und nur sie angesprochen werden. Mal ehrlich, was ist denn so toll daran blöd und plump von der Seite angemacht zu werden? Jetzt denkst du vielleicht, dass du das auch möchtest, dass du die Bestätigung brauchst, einfach um dazuzugehören und nicht wieder der Freak zu sein. Ich habe ein Herz für Freaks. Glaub mir, du brauchst das nicht. Ich weiß doch, dass du insgeheim lieber deine Ruhe hast. Kein dummer Smalltalk, keine plumpe Anmache.
Du musst dich nicht zu viel fühlen, denn das bist du nicht. Auch wenn es dir im Sportunterricht suggeriert wird. Dass du zu viel bist, um sportlich zu sein. Dass du ohnehin zu unsportlich bist, nicht schnell genug, nicht beweglich genug. Zu ungeschickt. Du versuchst es immer wieder, aber irgendwann hast du auch mal genug. Dann kommt der blaue Brief. Im Fach Sport! Darüber kann ich heute nur noch lachen. Dir fehlt auch nicht der Ehrgeiz, dir fehlt schlichtweg die Motivation. Nein, es ist nicht dein Fehler. Du bist nicht falsch.
Du denkst, du passt hier nicht rein. Du gibst dir nicht genug Mühe, um zu passen, um dich anzupassen, aber musst du das?
Du darfst so still und introvertiert bleiben, wie du bist. Du darfst auch mal eine unpopuläre Meinung äußern, ohne Angst zu haben, dass du deswegen gleich ausgeschlossen wirst oder nicht mehr akzeptiert wirst. Ich weiß, dass dir deine Freunde wichtig sind, aber heute würde ich sagen, dass sie keine Freunde sind, wenn sie dich insgeheim belächeln und nicht so akzeptieren, wie du bist. Wenn du immer noch Angst haben musst, ob sie dich nicht irgendwann links liegen lassen.
Du musst auch nicht immer lachen, wenn dir nicht nach Lachen zumute ist. Du musst nicht reden, wenn du lieber schweigen möchtest. Du darfst lieber zu Hause sein und lesen, stricken, malen, Musik hören, wenn du das möchtest. Du darfst anecken und so sein, wie du bist.
Du bist gut, so wie du bist.
Ich bin gut, so wie ich bin.
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