Ja, Corona macht was mit mir, das kann ich nicht leugnen. Einiges sogar und das Wenigste davon ist gut. Etwas Gutes ist, dass ich in letzter Zeit meine Kreativität neu entdeckt habe. Sie bekommt im Moment geradezu einen Boost, ein Update, ein Frühlingserwachen. Ob trotz oder gerade wegen Corona, kann ich nicht sagen, aber ich habe einfach viel Zeit mit mir selbst und meinen Gedanken und Gefühlen und irgendwo müssen die ja hin, damit ich nicht irgendwann platze.
Keine Sorge, das hier wird nur indirekt ein Text über Corona, ich bin auch schon fertig und werde das Wort nicht mehr erwähnen. War nur ein Einstieg, ich hab es quasi dafür missbraucht. Hier geht es nämlich nur um mich. So ganz egoistisch. Aber was will sie mir jetzt sagen, fragst du dich vielleicht.
Ich will mal wieder über Angst reden. In letzter Zeit ist es mit zunehmend schwerer gefallen, alleine nach draußen zu gehen. In Begleitung, kein Problem. Da wander ich kilometerweit. Einkaufen – kein Ding. Da hab ich ja ein Ziel und eine Aufgabe, das geht auch alleine. Nein, ich meine, einfach so rausgehen, alleine. Zum Spazierengehen. Weil ich mich nicht überwinden kann. Oder aufraffen. Oder beides.
Here we go again, Angststörung. Ich schaffe es nicht, den ersten Schritt zu machen, mir meine Schuhe anzuziehen und auf die Straße zu gehen. Weil das komisch aussehen könnte, so ganz alleine – ja, das ist total irrational. Genau wie die Angst, mich zu verlaufen. Oder dass mir schlecht wird oder dass eine Panikattacke aufkommt. Was wäre denn das Schlimmste, das passieren könnte? Wenn ich mich verlaufe, frage ich nach dem Weg oder lasse mich von meinem Handy navigieren. Wenn mir schlecht wird, atme ich tief durch oder kotze im äußersten Fall in die nächste Hecke – nicht schön, aber auch keine Katastrophe. By the Way, ist mir noch nie passiert. Und auch eine Panikattacke vergeht wieder, ich kann jederzeit umdrehen und nach Hause gehen.
Das macht alles keinen Spaß, dabei zieht es mich fast nach draußen. Um mich herum blüht alles auf, ich habe eine Kamera und mich faszinieren Licht und Schatten, Kontraste, Details, Strukturen. Und gerade Strukturen fehlen aktuell in dieser verrückten Zeit, in der sich scheinbar alles auf der Stelle dreht und das meiste davon dreht sich in meinem Kopf. An schönen Tagen bedaure ich es dann, wenn ich es nicht geschafft habe, vor die Tür zu gehen.
Heute war wieder so ein schöner Tag, und ich war alleine. Ganz ohne meinen Herzensmann. Aber heute habe ich es geschafft. Ich habe mir meine Schuhe angezogen und mir meine Kamera geschnappt und bin los. Erst etwas zögerlich und dann immer freier und gelassener, mit zwei Neurexan in der Blutbahn und der Sonne im Gesicht.
Ich bin mir zu Beginn sehr merkwürdig vorgekommen, wie ich da so mit meiner Kamera alleine durch die Straßen ziehe und mich bücke und hinhocke und ganz nah dran gehe, an die Blumen und Blüten und Hummeln, die ich da fotografiere. Was sollen da bloß die Leute denken? Was macht die Irre da bloß? Dieses Denken steckt ganz tief in mir fest. Dieses sich von außen betrachten durch die Augen von anderen. Wie blöd und wie sehr einengend ist das bitte? Wieso sollte ich nicht das tun, was mich erfüllt und mich ausmacht? That’s me. Ich knipse Bäume, Blumen und Hummeln und den blauen Himmel.
Heute habe ich mir vorgestellt, ich wäre Künstlerin. Ich bin Künstlerin habe ich mir wirklich immer wieder gesagt – nein, nicht laut, nur in meinem Kopf zu mir selbst. Und dann war es ganz einfach. Ich bin ja Künstlerin und eine Künstlerin macht crazy Dinge und ist auf der Suche nach Inspiration. Fake it til you make it.
Das heißt nicht, dass du dich nur überwinden musst – oder doch, ein wenig schon. Aber es heißt definitiv nicht, dass du schwach bist wenn du es heute noch nicht schaffst. Oder morgen. Dann eben übermorgen. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Nächstes Jahr ist auch noch ein Frühling. Und der Sommer und der Herbst und der Winter sind auch ganz wunderbar.
Aber ein Tipp zum Schluss – stell dir vor, du wärst eine Person, die es schafft. Eine Person, die mutig ist. Du bist nicht du selbst. Du bist die Person, die das kann. Muss nicht klappen oder helfen, aber probier es mal aus.
Für mich war es heute wunderschön draußen zu sein, mit Sonne im Gesicht und Wind dazu. Mit duftenden Bäumen und Blumen und mit Grillwurstgeruch in der Siedlung. Mit neu zu entdeckenden Pfaden und bekannten Wegen. Ja, manchmal ist es so schön und kitschig.
Für mich geht der Tag jetzt mit Kaffee und Bienenstich weiter, und mit Fotos bearbeiten und diesen Text schreiben. Ich fühle mich gut.
Ich muss gestehen, dass ich ein wenig verliebt in meine Fotos von heute bin.
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