Der Virus, dessen Name nicht genannt werden soll – und was er mit mir macht

Ich habe Angst. Es fällt mir nicht so leicht, das zuzugeben, aber es ist so. Ganz tief in mir drinnen, wenn ich mal allen Optimismus, allen Zweckoptimismus beiseiteschiebe, da habe ich Angst.

Nicht vor einem Virus. Nicht direkt jedenfalls. Der ist so klein, dass ich ihn nicht sehen kann und generell sind Viren eh überall, und ich hatte auch noch nie Angst vor Viren.

Es ist die Angst vor dem, was kommt. Oder kommen könnte. Davor habe ich eh schon eine riesengroße Angst. Und gerade jetzt ist sie noch größer. Wie lange wird dieser ganze Zustand anhalten? Kann ich noch raus zum Einkaufen? Kann mein Liebster noch zu mir kommen? Bin ich jetzt in meiner Wohnung gefangen? Besonders diese Angst ist ziemlich paradox, wo meine Angststörung sich doch vor allem darin geäußert hat, dass ich meine vier Wände so wenig wie möglich verlassen habe.

Es sind die Menschen, die mir Angst machen, ihr unberechenbares Verhalten. Angst vor Randale im Supermarkt zum Beispiel. Angst vor Panik. Angst davor, nichts mehr zu haben. Angst vor meinem eigenen Verhalten. Vor der Ego-bitch in mir, die nicht einsehen will, dass sie mal zurück treten muss, und nicht so kann wie sie will. Die ihre Pläne ändern muss und die das nicht will und sich wie ein trotziges Kleinkind auf den Boden werfen und tobend schreien möchte. In meinem Kopf enstehen ganze Horrorszenarien. die ich da nicht haben will und nicht haben kann. Weil sie mich lähmen und ich dann keine Kapazitäten mehr dafür habe, andere Dinge zu tun. Davor habe ich Angst.

Ich habe Angst davor, mich von der Panik anstecken zu lassen, nicht mehr klar denken zu können. Angst, ebenfalls in Hamsterkaufpanik zu verfallen. Zu einem Teil der panischen Masse zu werden. Angst, nur noch aus der Angst heraus handeln zu können.

Ich will keine Nachrichten sehen, und ich will die Nachrichten sehen. Ich sollte Spiegel online deaktivieren um nicht bei jedem Ping zu gucken, was es Neues gibt. Ich will das aber wissen, ich will informiert sein, ich will vorbereitet sein, ich will mich auf die Situation einstellen können und gleichzeitig will ich nur in meiner Blase sitzen, bis alles wieder vorbei ist.

Alles wird gut, sagt die Optimistin in mir, dauert nicht mehr lange. Diese Woche noch und die nächste und dann ist es schon vorbei. Vielleicht ist mein Optimismus naiv.

Denn, was ist, wenn nicht? Wenn es nicht so bald vorbei ist…Daran kann und will ich nicht denken, ich will keine Theorien dazu hören, keine wissenschaftlichen und auch keine verschwurbelten Verschwörungstheorien, einfach gar nichts, bitte erwähne den Namen dieses Virus nicht in meiner Gegenwart.

Ich will auf meinem Sofa sitzen und endlich die Decke aus Sockenwollresten fertig stricken an der ich schon 2 Jahre werkele und dann will ich über neue Projekte nachdenken und Kaffee trinken und Serien gucken, und dann ein Buch lesen und Musik hören und die frische Frühlingsluft von draußen auf meiner Haut spüren. Ich will, dass mein Herzensmann bei mir ist und wir einen Kuchen backen und dann überlegen, was wir abends im Fernsehen gucken und ich ihn daran erinnere, dass wir freitags jetzt immer „Let’s Dance“ gucken müssen. Ich will Pommes mit Fischstäbchen und Mayo. Ich will Frieden und Liebe und Harmonie.

Ich will Normalität.

Darum bin ich optimistisch. Weil ich sonst nicht anders kann. Weil ich daran glauben will und muss, dass alles wieder gut wird und dass wir ganz bald alle wieder vor die Tür treten, tief einatmen und uns die Augen reiben, so als wären wir alle aus einem tiefen Winterschlaf erwacht, und dann bemerken wir, dass in der Zwischenzeit die Bäume blühen und die Welt immer noch da ist.

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