Mut: Ein Versuch

„Was Sie jetzt brauchen, ist Mut.“, sagt mein Therapeut zu mir. Einfach so. Als würde er mir sagen, dass man zum Kuchen backen Eier benötigt. Und dass die im Kühlschrank liegen, im zweiten Fach von unten.

„Wo soll ich den Mut denn hernehmen?“, frage ich ihn dann, schon den Tränen nahe, „Hier ist weit und breit kein Mut in Sicht.“

„Der ist in Ihnen.“

Ach was. Tatsächlich? So weit nach oben kann ich meine Augenbraue gar nicht ziehen, um meine Skepsis gegenüber dieser Aussage auszudrücken. Und dann sagt der das auch noch wie das Selbstverständlichste auf der Welt. Wie kann der nur? Sieht der nicht, dass ich eine mutfreie Zone bin? Ich könnte auch ein Schild vor mir hertragen „Mutfrei seit Oktober 2016.“

Wo genau soll der also in mir stecken, dieser Mut? Da könnte ich mich stundenlang aufs Bett legen und einfach nur in mich reinhören, ich würde keine Antwort bekommen. Denke ich jedenfalls.

Und was genau ist das eigentlich, dieser Mut? Liebe wird aus Mut gemacht, hat Nena schon gesungen. Aber wenn ich nicht weiß, wo und was Mut ist, wie kann ich daraus dann Liebe machen? Etwas Unbekanntes aus etwas Unbekanntem entstehen lassen – wie soll das denn funktionieren? Hat da mal irgendjemand drüber nachgedacht?

Ein Mann kann nur mutig sein, wenn er Angst hat. Das jedenfalls sagt Ned Stark im Roman Ein Lied von Eis und Feuer (übrigens auch in der Serie Game of Thrones, gleich in der 1. Episode) seinem Sohn Bran als der ihn fragt, ob ein Mann auch mutig sein kann, wenn er Angst hat. (Ob er damit auch Frauen eingeschlossen hat, wage ich zu bezweifeln, aber ich tue es und das muss reichen.) Ich finde, dass da viel Wahres dran ist, denn zu Mut gehört auch immer Angst, denn wenn ich keine Angst habe, dann brauche ich auch keinen Mut. Dann kann ich einfach nur so existieren und muss mir über Beides keine Gedanken machen. Muss keine Angst überwinden. Mit Mut. Aber wäre das Leben damit einfacher? Oder würde mir dann nicht einiges fehlen?

Das Gefühl, wenn ich mich und meine Angst überwunden habe, wenn die Angst verschwindet, die Gefahr der Erleichterung weicht, vielleicht brauche ich auch das zum Leben. Wie eine kühle Brise an einem heißen Sommertag, die mir den Schweiß aus dem Nacken weht, alles wird gut flüstert und mich aufatmen lässt. Eben genau dieses Gefühl setzt auch Angst voraus.

Im Gegensatz zum Mut kenne ich die Angst ganz genau. Ich kenne ihren Charakter, ihre fiesen kleinen Eigenarten, ihre Tricks und Spielchen. In- und auswendig kenne ich ihre Anatomie, ihre Geographie, kann Schaubilder und Landkarten von ihr zeichnen.

Angst kann mir in den Knochen sitzen, ganz tief drinnen im Mark, sie aushöhlen und mich ganz brüchig und instabil werden lassen. Zittrig. Schwankend. Sie sitzt mir in Gestalt von Sorgen auf den Schultern, schwer wie Blei und die Welt. Sie sitzt mir im Kopf, drückt gegen die Innenwände meines Schädels und bringt ihn fast zum Platzen. Jedenfalls gefühlt. Angst kann mir im Bauch sitzen – da sitzt sie übrigens am liebsten – und sich dort festbeißen, sich durch meine Eingeweide fressen wie ein ausgehungertes Monster. Aber wo sitzt dann der Mut, wenn die Angst schon so viele Orte eingenommen hat? Wo findet die Mutrebellion ihren Platz gegen die scheinbar übermächtige Angstarmee?

Nur Mut, liebes Herz. Immer weiter, nur nicht stehen bleiben und auch wenn du denkst, du springst gleich in tausend Teile, dann tust du das noch lange nicht, du schlägst immer weiter.

Eine Theorie: Vielleicht sitzt der Mut ja im kleinen Zeh. In dem, der ständig an den Ecken von Sofas und Kommoden hängen bleibt, den man sich an Türen und Badewannen stößt. In dem, der eigentlich schon zigmal gebrochen sein müsste, so oft wie er gefordert wird. Der trotzdem immer wieder hält, obwohl er als Pufferzone gegen Türen, Schränke, Monster herhalten muss. Weil er sich so grandios verbiegen kann. Der uns durch diesen Schmerz immer wieder aber auch an seine Existenz erinnert. Es tut weh, immer wieder, aber nur einen Moment lang. Der Schmerz lässt irgendwann nach.

Nachwort: „Mutlos seit Oktober 2016“ ist mittlerweile Geschichte, aber ich habe eine gefühlte Ewigkeit an diesem Text geschrieben – ich werde ihn nun veröffentlichen und so lassen, wie er ist, ohne weiter daran herumzudoktern.

2 Antworten auf „Mut: Ein Versuch

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  1. super Text! Ich kann Dich echt gut verstehen. Ich bin mir aber sicher, das in Dir mehr Mut steckt, als Du glaubst. Grüße von der „Lichtgestalt“

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