Pläne sind schon was Feines. Ich liebe Pläne, ich bin quasi die Goldschmiedemeisterin in Sachen Pläne. So richtig mit Listen zum Abhaken, Schritt für Schritt. Und genau das wird ja auch erwartet. Dass man einen Plan hat, einen Plan für sein Leben, einen Plan A gewissermaßen und dann alle Schritte nach und nach abarbeitet um diesen zu realisieren. Bloß nicht planlos Richtung Zukunft laufen, am besten schon im Krabbelalter damit anfangen.
Ich bewundere Menschen, die so leben. Doch, wirklich. Die früh wissen, was sie wollen und das dann auch erreichen. In schwachen Momenten beneide ich sie, werde ganz neongelb vor lauter Neid. Dann atme ich tief durch, schließe die Augen und versuche, nicht dem Vergleichsmonster in die Falle zu gehen. Es muss ja nicht unbedingt so laufen.
Versteht mich nicht falsch, einen Plan A für sein Leben zu haben ist eine tolle Sache. Hatte ich auch mal, jedenfalls dachte ich das. Die Krux dabei war, dass es nicht nur den einen Plan A gab, es gab mehrere. Plan A war gewissermaßen ein äußerst begabter Gestaltwandler. Er hatte die Gestalt einer Tierärztin – als ich 9 war und Tiere ganz toll fand und im festen Glauben war, dass ich dann den ganzen Tag niedliche Hasen und Hunde streicheln dürfte. Später nahm Plan A dann noch die Gestalt einer Ärztin an – wenn auch nur sehr kurz, denn ich kann eigentlich ganz schlecht Blut sehen. Schriftstellerin war auch immer wieder dabei. Und diverse andere, an die ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann, weil sie nur kurz in ihrer Gestalt blieben. Irgendwann verlor Plan A dann seine konkrete Gestalt. Schuld war – ja, was eigentlich? Das Leben, würde ich sagen, einfach nur das Leben.
Und dann? Aufstehen, Krönchen richten und weiter? Nach Plan A käme dann logischerweise irgendwann Plan B. Und dann Plan C. Und wenn nicht? Wenn man einfach keinen Plan mehr hat, wenn sich keiner entwickelt, nichts Gestalt annimmt? Und wenn man Pläne mittlerweile eh für die Tonne findet, weil man sie zwar verfolgen, aber dennoch niemals einholen kann?
Letzte Woche habe ich zufällig eine ehemalige Schulfreundin wiedergetroffen. Wir mussten beide mit der Bahn nach Köln und da wir uns länger nicht mehr gesehen hatten, ergab sich ganz schnell die obligatorische Frage: „Und, was machst du so?“. Was sie jetzt macht, ist hier nicht wichtig. Aber es ergab sich ein Gespräch – über unsere Schulzeit, über früher, und darüber, was die anderen jetzt wohl so machen. Und auch, dass wir beide keinen einfachen Weg hatten. Und dann – aus heiterem Himmel – sagte sie, dass sie sich auch hätte vorstellen können, Bahnfahrerin bei der KVB zu werden. Wenn nichts anderes geklappt hätte. Für jemanden, der lange studiert hat und schon in der Schulzeit immer zu den besten gehörte, klingt das erstmal wie der komplette Abstieg. Eine Akademikerin in der Straßenbahn? Also bitte. Das geht doch nicht!
Aber warum eigentlich nicht? Ich habe danach noch lange über unser Gespräch nachgedacht. Bahnfahrerin war nicht ihr Plan A, auch nicht ihr Plan B oder C oder D. Es war ihr Plan Z. Der Plan, den sie realisieren würde, wenn alle anderen Pläne gescheitert wären. Ihr Sicherheitsnetz, etwas, das sie auffängt, wenn sie nicht mehr weiter weiß und wenn alle anderen Pläne sich mal wieder in Luft aufgelöst hätten.
Man mag von Plänen ja halten, was man will. Ich selbst habe ein zweigespaltenes Verhältnis zu ihnen. Ich würde am liebsten ständig Pläne machen und sie dann nach und nach abhaken. Aber ich weiß auch, dass das Leben so nicht funktioniert, weil es meistens doch anders kommt. Also könnte ich mir das mit den Plänen auch gleich schenken, weil dadurch nur Hoffnungen und Erwartungen geweckt werden, die so leicht sterben könnten. Aber völlig planlos durchs Leben zu laufen widerstrebt mir dann doch auch sehr.
Wäre Plan Z da nicht der perfekte Kompromiss? Also, einen Plan, den man in der Hinterhand hat, falls alle Stricke reißen und falls alle anderen Pläne, die man in der Zwischenzeit schmiedet, nicht funktionieren? Pläne ändern sich ständig, Plan A ist schon längst zu den Akten gelegt worden, ebenso Plan B. Oder Plan AB. Danach kommt aber noch eine ganze Menge. Plan ABB. Plan ABC. Plan BC. Und so weiter. Bis ich mit diesem System zu Plan Z gelange, kann eine ganze Weile dauern. Aber ich weiß, dass Plan Z da ist und mich im Notfall auffängt. Die liebe Julia (oder Sarah, oder Nadine, wie auch immer wir sie nennen wollen) hätte vermutlich nie als Fahrerin bei der KVB angefangen, einfach aus dem Grund, dass sich zwischendurch immer wieder neue Pläne oder auch mögliche Wege ergeben hätten. Aber es gab ihn, ihren Plan Z.
Ich habe aktuell einen neuen Plan. Eventuell. Wenn alles so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Und wenn nicht – dann schmiede ich einfach einen neuen Plan, Plan D oder so. Bis Plan Z hab ich noch jede Menge Zeit – und jede Menge Ideen.
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