Die Tyrannei der Zahlen

Neues Jahr, neue Artikelreihe. Es gibt täglich tausend Dinge, die ich mich frage. Manchmal sind es nur ganz unbedeutend Dinge, aber es gibt auch Fragen, die mir immer wieder durch den Kopf gehen. Und darum entstand diese neue Kategorie erst in einem Kopf und nimmt mit diesem Beitrag erste Konturen und Formen an. Tadaa, und so entsteht nun: Fräulein Meerjung fragt sich.

Passend zu all den guten Neujahrsvorsätzen dreht sich die erste Frage aus den Untiefen meines Gehirns ums Gewicht. Ums Körpergewicht um genau zu sein.

Warum ist für viele Frauen (ich schließe mich hierbei nicht aus) die Zahl auf der Waage bzw. die Kleidergröße so wichtig?

Jetzt mal unter uns Betschwestern: Wer von euch hat sich auch dieses Jahr, Punkt Mitternacht – oder war das dann noch letztes Jahr? – vorgenommen, endlich – und ich meine damit ENDLICH – den lästigen Pfunden zu Leibe zu rücken? Weg mit dem Speck, ein für alle mal. Denn so ein neues Jahr, so frisch und unverbraucht, ist doch ideal, um es gleich mal wieder mit (guten) Vorsätzen vollzumüllen.

Also, Hände hoch, das bleibt auch unter uns, versprochen. Guckt mal, ich selbst hebe auch mein kleines Pummelhändchen. Wie jedes Jahr. Bis jetzt hat das nämlich nie so richtig funktioniert mit der Umsetzung dieses Vorsatzes. Mehr Sport ist übrigens die Schwester vom Abnehm-Vorsatz, aber das nur so am Rande, die kam in den letzten Jahren auch immer zu kurz.

Jetzt könnte man sich natürlich fragen: Warum macht die das, wenn sie doch sowieso wieder scheitert an diesem dämlichen Vorsatz? Warum lässt die sich nicht einfach mal so, wie sie ist und lernt stattdessen, sich selbst zu lieben oder auch einfach nur zu akzeptieren, wie sie nun mal ist. Wäre das nicht viel einfacher? Nein, leider ist es das nicht.

Denn da ist immer wieder diese Waage. Und die Kleidung, die immer enger wird. Warum nicht einfach eine Nummer größer kaufen? Warum nicht einfach die Zahl auf der Waage ignorieren?

Es sind doch nur Zahlen! Wir lassen uns von Zahlen tyrannisieren. Eine Zahl entscheidet bei vielen von uns schon morgens, wie der gesamte restliche Tag laufen wird. Ich bin zwar mit recht guter Laune aufgestanden – so gut, wie die eben vor dem ersten Kaffee sein kann und bumms – ein Plus auf der Waage verhagelt mir die Laune direkt wieder. Heute mal keine Schokolade. Und wenn ich am Nachmittag trotzdem Bock drauf habe, einfach weil ich mich danach fühle? Dann verkneife ich mir das. Wegen dieser blöden Zahl. Wie dämlich ist das denn bitte. Besonders bei Frauen schwankt die doch ständig, schon zyklusbedingt. Muss ich mich denn davon auch noch verrückt machen lassen, wenn mich meine Hormone schon wieder an den Rand des Wahnsinns treiben?

Die einzigen Menschen, die sich länger als 5 Sekunden mit Zahlen beschäftigen sollten, sind meiner Meinung nach übrigens Mathematiker und Buchhalter – und die werden immerhin dafür bezahlt.

Warum zum Henker sind normal vernunftbegabten Frauen diese Zahlen dann so wichtig? Was macht einen zum schlechteren Menschen, wenn hinten im Shirt 40 oder 38 oder 48 oder 52 steht? Es ist doch nur eine von der Modeindustrie willkürlich festgesetzte Zahl. Wer setzt denn bitte fest, bis zu welcher Größe zum Beispiel Querstreifen erlaubt sind? Dabei könnte es so einfach sein. Du magst Querstreifen? Glückwunsch, dann trag doch einfach welche. Du denkst, mit Größe 48 solltest du keine weißen Hosen tragen? Bullshit. Auf die solltest du höchstens verzichten, wenn du wie ich zum übermäßigen Kleckern und Verschütten von bunten Flüssigkeiten neigst. Aber auch dann nur eventuell. Aber du solltest garantiert nicht darauf verzichten, weil dir jemand einredet, dass die Zahl auf dem Etikett eine bestimmte sein muss.

Es soll ja Frauen geben, die in Heulkrämpfe verfallen, wenn sie statt Größe 38 plötzlich 40 tragen. Die sich deswegen tage- und wochenlang selbst kasteien, weil sie der Überzeugung sind, dass das ihre Schuld sei. Und nur ihre Schuld. Alles wegen einer Zahl. Was ist es also, dass diese Reaktionen auslöst? Was ist an einem Menschen denn besser, nur weil in seiner Hose eine 38 steht? Oder eine 48? Oder auch eine 58? Ich kann es nur immer wiederholen: Es ist nur eine verdammte Zahl! Ohne jegliche Aussage darüber, was den Menschen dahinter ausmacht.

Gut, jetzt werden garantiert wieder welche ankommen und mir was von Übergewicht und krankhaft und so weiter erzählen. Ja. Jaaaahaaaa. Weiß ich. Aber darf ich mich dann nicht trotzdem auch wohl fühlen? Einfach nur so, auch wenn ich weiß, dass es nicht gut für meine Gesundheit ist, so viel zu wiegen wie ich nun einmal wiege? Dass es auf Dauer nicht gut für meine Knochen und Gelenke ist, das weiß ich doch selbst.

Was ändert es denn an meinem Leben, wenn ich mich täglich einfach nur scheiße fühle aufgrund meines Gewichts? Oder meiner Kleidergröße? Genau. Nichts. Mein Gewicht schon gar nicht. Dann bin ich immer noch dick, und obendrauf noch schlecht gelaunt. Was jetzt keine Ausrede sein soll, um den Zustand dauerhaft so hinzunehmen und nichts zu ändern. Aber das kann man ja langsam machen, im eigenen Tempo. Stichwort Baby Steps. Und währenddessen darf man sich trotzdem ganz geil finden. Das Leben wird nämlich nicht automatisch besser, wenn die Zahl auf der Waage oder in der Jeans kleiner wird. Es ist ein absoluter Trugschluss, dass du so lange warten musst, um glücklich zu werden, bis der BMI stimmt. Dein Traumprinz wartet nämlich nicht so lange, der kommt eventuell schon früher um die Ecke und was machst du dann?

Ich bin übrigens auch kein Fan vom viel gefürchteten BMI. Weil das erstens auch nur eine Zahl ist und sich das zweitens irgendwann mal schlaue Menschen einfach so ausgedacht haben um festzusetzen, ab welcher Grenze ein Mensch zu viel ist. Und damit nicht mehr gut genug. Und damit können Menschen dann wieder ganz bequem in Schubladen gesteckt werden von unter- über normal- bis hin zu übergewichtig. Dabei sind Schubladen nur was für Socken und Unterwäsche.

Ein kleiner Tipp zum Schluss: Wenn du also das nächste Mal in der Umkleidekabine stehst und das Shirt in 38 nicht passt – dann probier es einfach mal mit einer Nummer größer. Ja, einfach so. Sei ein Rebell und *piep* auf die Zahl im Etikett. Schneid das dämliche Etikett einfach raus, falls dich die Zahl so sehr stören sollte. Oder sie größer als 0 ist. Zieh dein Lieblingshirt an und tanz darin, bis du Schweißflecken unter den Armen und unter den Brüsten hast. Die meisten Sachen lassen sich übrigens bei 30° C waschen.

Ich selbst bin beim Thema Waage oder Kleidergröße übrigens auch nicht immer so gelassen. Ich raste auch ab und zu mehr oder weniger nur innerlich aus. Aber das muss ja nicht so bleiben.

Eine Antwort auf „Die Tyrannei der Zahlen

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  1. Liebes Fräulein Meerjung
    Ich arbeite in der Modebranche und kann nur sagen das jeder Hersteller seine eigene Größen hat. Selbst in ein und der selben Kollektionen schwanken die Größenangaben. Meine Kundinnen stehen auch oft in der Kabine und sind am verzweifeln. Das müssen sie nicht. Jede Frau ist in ihrer Figur und Einzigart schön.
    Es sind nur Zahlen in der Kleidung, die von irgendwelchen Näherinnen eingenäht werden müssen, die vielleicht nicht mal wissen was sie da einnähen.
    Liebe Grüße aus Hannover, ich mag Dich. Bleib so wie du bist. Ich hoffe wir sehen uns dies Jahr mal wieder.
    Bettina

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