Die besten Wege führen ans Meer: Einmal Sylt und zurück

Seit Tagen überlege ich nun schon, wie ich diesen Text möglichst intelligent einleiten kann, vielleicht mit einem schlauen, philosophischen Zitat, aber zum Thema Urlaub fällt mir nur ein: Urlaub ist ein schwieriges Thema. Für mich. Vermutlich für alle Menschen mit einer Angststörung. Ich fühle mich am sichersten in den heimischen vier Wänden. Das mag sehr eingeschränkt sein, aber so ist es nun mal. Weil ich da jeden Quadratzentimeter kenne. Hier lauert keine Überraschung, sei sie nun gut oder böse, an der nächsten Ecke. Das Wasser kommt aus dem Wasserhahn und im Kühlschrank ist auch was zu essen, für den Notfall stehen mein Bett oder die Couch immer für mich bereit – will sagen: Hier bin ich gut versorgt, hier fühle ich mich geborgen.

Was woanders ja nun mal nicht so wäre. Definitiv nicht. Woanders ist es nicht mein Bett, nicht meine Küche, nicht mein Bad, nicht mein Sofa – und es ist schon gar nicht meine Umgebung. Gut, die neue Umgebung könnte schöner sein als die alte und für ein paar Tage wäre ein Tapetenwechsel mal was Feines, Stichwort Horizont erweitern. Sich mal erholen, sich was Gutes tun. Die Chancen stehen theoretisch ja auch ganz gut, dass das klappt und ich mich rundum wohl fühle, die Zeit genieße und mit dem Herzen voller positiver Eindrücke wieder nach Hause fahre. Theoretisch.

Aber – und jetzt kommt es wieder, das große ABER. Wie soll das gehen, wenn mir die ganze Zeit diese Scheißangst im Nacken sitzt. Genauer: Die Angst vor der Angst. Nein, lieber Professor Lupin, das ist gar nicht weise, Angst vor der Angst zu haben, da hast du Harry Potter einen Riesenbockmist erzählt. Es ist einfach – sorry – scheiße anstrengend, ständig auf der Hut zu sein und das Schlimmste zu erwarten. BTW, das ist ein anderes Thema – erinnert mich mal dran, dann schreibe ich auch mal was dazu.

Wenn Urlaub jetzt also die schönste Zeit des Jahres sein soll, du dir aber vorher schon tausend Gedanken und Sorgen machst, wie das wohl werden wird und wie blöd das wird, wenn die Angst immer dabei ist und dass das null entspannend sein wird und du froh sein wirst, wenn du nur endlich wieder zu Hause bist – von der Reise zum Urlaubsort rede ich jetzt gar nicht – dann ist die Wahrscheinlichkeit riesig, dass du gleich zu Hause bleibst. Der Urlaub wird schon gestrichen, bevor er geplant wird.

Bei mir ist das jedenfalls so. Ich würde mich nämlich durchaus als reisefreudigen Menschen bezeichnen, also in der Theorie. Ich mag das Meer und die Berge gleichermaßen, mag gerne am Strand liegen und spannende Städte entdecken, durch Museen und Parks schlendern, Kaffee trinken, Eis essen – so habe ich mich jedenfalls in Erinnerung, vor dieser ganzen Angststörungskacke, und ein Teil in mir glaubt da auch heute noch dran. „Verdammt, das muss doch wieder gehen, das kann doch so schwer nicht sein“, sagt dieser Teil, „Trau dich, hab Mut, wie schlimm kann es wohl werden?“ Auf diesen Teil sollte ich ab und an mal hören – okay, öfter. Viel öfter.

Habe ich getan. Ich habe das unfassbar Mutige gewagt und bin in den Urlaub gefahren. Für die Meisten ist das jetzt Pillepalle, die fahren einfach mal so spontan übers Wochenende weg. Aber für mich ist das keine Normalität. Es ist ein riesen Schritt und bringt mir ein großes Stück Leben zurück. Gut, es war jetzt keine Weltreise; es waren 5 Tage Sylt mit meiner Mutter – aber hey, SYLT!!! 8 Stunden Zugfahrt, bei denen mir mehr oder weniger mulmig bis übel war – aber ich habe das überlebt. Ich habe es überlebt, 4 Nächte nicht in meinem Bett zu schlafen. Und ich habe die ungewohnte Umgebung überlebt – ich habe sie sogar genossen. So richtig. Mit allem drum und dran. Ohne eine einzige Panikattacke. Ich habe Fischbrötchen und Kuchen gegessen, meine Füße in die Nordsee gehalten, Muscheln gesammelt und den Wellen beim Wellen machen zugehört. Ich habe Meerluft geatmet und Sand aus meinen Socken gepult, die schönsten Eindrücke mit meiner Kamera und meinem Herzen festgehalten, tausend Möwenfotos geschossen um ein perfektes zu bekommen, mir einen kleinen Sonnenbrand auf der Nase und einen original Sylter Schnupfen als Souvenir mitgebracht. YEAH!!!!! Ich war im Urlaub. Und das feiere ich jetzt bis zum nächsten Urlaub. Mindestens.

Was will sie mir damit sagen, fragen sich vielleicht einige. Zwei Dinge. Eins: Ich erzähle einfach so, wie das so ist, wenn man mit einer Angststörung lebt. Anstrengend, geht aber. Irgendwie immer und im besten Falle immer ein bisschen besser als am Tag vorher. Falls ihr euch kein Bild davon machen könnt, wie das so ist – und das sind leider erschreckend viele, wie ich immer wieder feststellen muss. Ich hab halt keinen Schnupfen, der einfach so wieder weg geht (Doch, aber nur noch minimal) und auch kein gebrochenes Bein, bei dem man den Gips sieht. Ich sehe ganz normal gesund aus. Zwei: Eventuell kann ich dem einen oder anderen ein wenig Mut machen. Demjemigen mit Angst und Fernweh gleichzeitig, demjenigen, der sich fragt, ob er jemals wieder so was normales wie Urlaub machen können wird. Ja. Kannst du. Wenn ich es kann, kannst du es auch.

Es ist nichts Alltägliches, für mich auch nicht, wahrscheinlich wird es das nie sein – muss es auch nicht – und es ist immer noch anstrengend. Beim nächsten Urlaub stehe ich wahrscheinlich und ganz bestimmt wieder vor den gleichen Herausforderungen wie dieses Mal. Ich werde wahnsinnige Angst haben, mir tausend Gedanken und Sorgen machen und das Ganze zwischendurch immer wieder abblasen wollen – aber: Ich werde es trotzdem machen.

Und weil es so viele tolle Dinge gibt, die ich erlebt und gesehen habe, aber gar nicht alle in aller Ausführlichkeit erzählen kann kommt hier:

Eine Liste schöner Dinge – unvollständig und jederzeit erweiterbar. Die Sylt-Edition

#1 Das Geräusch von Wind und Wellen – erst minutenlang zuhören und dann für zu Hause aufnehmen um es sich bei Bedarf (akute Meersehnsucht) immer wieder anhören.

#2 Den Sand unter den nackten Füßen spüren, von der Sonne aufgewärmt und ein wenig kratzig und pieksig, beim Gehen immer wieder einsinken und trotzdem Stück für Stück voran kommen.

#3 Kaltes Nordseewasser, das mir über die Füße läuft und mich erschaudern lässt – aber vor allem der Moment vorher, wenn ich am Strand stehe und darauf warte, dass das Wasser meine Füße erreicht um dann ein wenig zu quieken.

#4 Muscheln sammeln und ihre einmalige Schönheit bestaunen – wer dafür jemals zu alt wird, der kann sich auch gleich einsargen.

#5 Kuchen essen und sich darüber freuen, dass wir den Tisch mit dem besten Ausblick direkt aufs Meer erwischt haben.

#6 Fischbrötchen am Strand essen – schmeckt nirgendwo besser.

#7 Möwen beobachten und versuchen, das perfekte Foto zu machen.

#8 Zu wissen, dass die schwerste Entscheidung am Tag die zwischen 300 Sorten Schokolade ist.

#9 Das Meer.

 

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Eine Antwort auf „Die besten Wege führen ans Meer: Einmal Sylt und zurück

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  1. Die Angst ist wie ein Schatten. Aber du musst überzeugt davon sein, dass sie die nicht mehr kontrollieren kann. So richtig überzeugt! Das ist nicht einfach.
    Ich habe da schon zwanzig Jahre mit zu tun und so langsam habe ich den Dreh raus. Viel Freude bei deinen Reisen 😊

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