Mitte April. Die Sonne scheint. Das Thermometer drängt gegen die 30 Grad wie früher nur die Fans von Take That gegen die Absperrgitter vorm Konzert. Geil. Endlich. Denkt gefühlt jeder und sagt es auch. Wer jetzt nicht raus geht, ist selber Schuld. Leute, geht raus, genießt die Sonne und das Leben. Lasst euch die bleiche Nase bräunen – aber denkt an die Sonnenmilch! Jede sonst so informative Nachrichtensendung, jede Radioshow besteht nur noch aus einem Thema. Sommer. Ja, er ist da. Leute, lasst alles stehen und liegen, quetscht die winterbleichen Beine in Hotpants und die Käsefüße in eure angestaubten FlipFlops. Rasiert euch den Pelz ab, ölt die Schenkel und die Arme ein. Strömt in die Freibäder und Parks, an die Baggerseen und in die Biergärten dieser Welt. Als gäbe es kein morgen mehr.
Auf Instagram sehe ich von heute auf morgen nur noch Bilder von leicht gebräunten fröhlichen Menschen, wahlweise mit einem Kaltgetränk oder einer Eistüte auf der Hand, mit breitem Grinsen in die Kamera lächelnd. So entspannt und gut gelaunt, keine Schweißperle auf der Stirn. Die Bäuche so straff wie die Röcke kurz sind. Gab es bei denen kein Weihnachten? Kein Ostern? Aus welchem Loch sind die so fix und fertig für den Sommer gekrochen, so ganz ohne Übergang von weiß zu hellbraun, von pelzig zu glattrasiert, von schwabbelig zu straff und schön? Ich bin noch lange nicht bereit für diesen Wahnsinn!
Was ich mich nebenbei noch frage: Entspricht das der Realität? Diese schöne heile Welt? Was ist, wenn man nicht zu den Sonnenanbetern gehört, zu den Menschen, die wie eine Eidechse in der Sonne plötzlich zu neuem Leben erwachen? Gibt es solche Menschen und darf es die überhaupt geben? Wenn mich die Sonne und die Hitze doch so glücklich machen müssten und es doch nicht tun, was dann?
Tatsache ist, ich fühle mich durch dieses ganze Zugetexte über Sommer, Sonne, Sonnenschein genötigt. Ich muss das toll finden. Denn wenn ich all das doof finde, was bin ich dann? Ein Freak? Ein elendiger Nörgler, der anderen den Spaß nicht gönnen will? Der immer über das Wetter jammert, ganz egal ob heiß oder kalt? Eventuell sogar ein Vampir? Nein, ich bin nichts von alledem.
Ich bin ein thermophobes Wesen. Temperaturen jenseits der 25-30 Gradmarke machen mir Angst. Der Sommer macht mir Angst. So richtig. Es fängt damit an, dass ich eigentlich meine Wohnung nicht verlassen möchte und zwar noch weniger als sonst. Weil die Überwindung nochmal 10 mal größer ist. Die Sonne ist zu hell. Zu heiß. Ich schwitze. Eine ganz normale körperliche Reaktion, möchte man denken. Ja und nein. Für mich ist es immer ein Alarmsignal. Schwitzen bedeutet, etwas ist nicht in Ordnung. Mein Herz wird schneller schlagen. Mein Kreislauf wird das nicht gut finden und in den Keller sacken. Mir wird schwindelig werden. Ich werde umkippen. Angst. Ich schwitze noch mehr. Alles in mir ist in Alarmbereitschaft. Es sind Symptome, die ich sonst von Panikattacken kenne und jetzt sind es genau diese, die eine solche Attacke wiederum auslösen könnten. Ein Teufelskreis.
Wenn ich doch das Haus verlasse, dann nur nachdem ich mich generalstabsmäßig vorbereitet habe. In meiner Tasche sind immer:
- eine Flasche Wasser gegen den Durst, aber auch zur Ablenkung
- Kreislauftropfen, man weiß ja nie, außerdem beruhigt mich der bittere Geschmack
- Zuckerwürfel für die Kreislauftropfen und weil Zucker nie verkehrt ist
- Bonbons oder ähnliches, siehe Zucker, nie verkehrt und weil das Lutschen ablenkt
- Rescue Tropfen, die sind zwar homöopathisch und wissenschaftlich nicht erwiesen, aber ich glaube dran!
- mein MP3-Player, manchmal mag ich Musik hören, manchmal auch nicht
- ein Buch, denn auch wenn ich nicht lesen mag, ich könnte es, wenn ich es wollte und sonst ist es prima, um sich daran festzuhalten
- natürlich mein Handy – das muss ich wohl nicht erklären.
Hinzu kommen dann unterwegs noch
- Cola Zero, möglichstschön kalt, das lenkt auch ab, weil es einen körperlichen Reiz auslöst, hicks
- ein trockenes Brötchen, ich könnte unterwegs völlig unterzuckern und wer weiß, wann ich jemals wieder in der Zivilisation landen werde. Oder zu Hause.
Und wenn ich mich dann noch an alle Verhaltensregeln halte – IMMER im Schatten aufhalten, sonnige Flecken so zügig wie möglich durchqueren, mich hinsetzen, wann immer es möglich ist, regelmäßig trinken, in der Bahn oder im Bus am geöffneten Fenster sitzen und jeden Windstoß mitnehmen! – dann könnte die Sache eventuell eine Zeitlang gut gehen.
Jedes Mal, wenn ich es schaffe, auf mindestens einen Punkt von dieser vermeintlich überlebensnotwendigen Liste zu verzichten und trotzdem relativ entspannt bleiben kann, ist das ein riesiger Fortschritt für mich. Ein niedliches Handtäschchen tragen, in das nur Geldbeutel und Handy passen? Ein guter Witz. Ich mag große Handtaschen nicht ohne Grund. Spontan sein? Vergesst es. Gebt mir mindestens 48 Stunden Vorlauf.
Merkt ihr was? Das hat mit dem entspannten Insta-Life nichts, aber auch gar nichts gemeinsam. Es ist Stress pur. Und jetzt Mitte/Ende April bin ich auf diesen ganzen Stress noch nicht mal ansatzweise vorbereitet. Das kommt mir viel zu plötzlich. Hilfe! Wie soll ich dann den ganzen Sommer überleben? Jedes Mal, wenn im Wetterbericht ein Tag mit mehr als 25-30 Grad (je nach Stimmung) angekündigt wird, fängt sich mein Gedankenkarussell an zu drehen. Wie überlebe ich diesen Tag? Muss ich raus? Muss ich WIRKLICH raus? Ich bin darauf eingestellt, dass ich erst im Juni mit dieser Achterbahnfahrt beginne, nicht jetzt schon.
Außerdem frage ich mich, wie man bei 30 Grad immer noch so gut aussehen kann, ich ähnele einer Tomate kurz vorm Platzen, meine Beine sind dick, noch dicker als sonst. Ich schwitze und – sorry – vermutlich rieche ich auch nicht blütenfrisch. Auf Instagram gibt es aber keine Tomatenkopfbilder, keine geschwollenen Füße mit Abdruckmalen von den Socken. Keine enthusiastisch in die Höhe geworfenen Arme, die quadratmetergroße Achselschweißflecken entblößen. Aber ich will so aussehen! Ich will in einem hellen Sommerkleid im Park sitzen, auf einer Decke, picknicken, mit Freunden was trinken, mich hinlegen und ein Buch lesen und dann kommt jemand und schmeißt den Grill an und reicht mir einen Teller mit Würstchen und Nudelsalat. Und ein Eis. Ich wäre wirklich gerne einer von diesen entspannten Sonnenanbetern – aber: Ich bin es nicht und werde es vermutlich auch niemals sein und zwischen diesem völlig bescheuerten Anspruchsdenken und meiner Realität hin und herzupendeln ist was? Richtig, Stress. Als hätte ich von dem nicht schon genug. Mein soziales Leben kommt endgültig zum Stillstand, weil ich niemandem meine ganzen Sommermacken und Verhaltensregeln zumuten will. Weil ich mich ziemlich alleine fühle mit meiner Angst, mit dieser merkwürdigen Phobie. Weil das vermutlich nicht besonders gesellschaftsfähig ist, wenn man so ist, wie ich eben bin und man das ganze Happy Sunshine Life nicht leben kann.
Zum Glück hat jeder Sommertag mal ein Ende. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schön dann so ein Donnergrollen am Himmel klingen kann – Musik in meinen Ohren. Tiefschwarze Wolken. Blitze. Regengüsse, die alle meine Ängste einfach wegwaschen, wenn ich nur fest genug daran glaube.
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