Jetzt sitze ich also wieder hier. Da, wo ich nie wieder sitzen wollte, im gefühlten Vorhof zur Hölle, der eigentlich ein Flur ist. Ein in freundlichem behördengelb gestrichener Flur mit schweren Metallgitterstühlen (Warum sind die so schwer? Damit sie keiner klaut? Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, einen Metallstuhl mitgehen zu lassen. So „Hey, geiler Stuhl, den klemm ich mir unter den Arm und chill darauf zu Hause vor dem Fernseher.“), willkürlich ausgesuchten Fotos und Kunstdrucken, mit einer riesigen Kunstpalme, an deren Übertopf jemand überflüssigerweise ein Schild geklebt hat. „Bitte nicht gießen.“ Wer würde dieses hässliche Ding, wer würde irgendetwas in diesem Gebäude für echt halten. Wo es doch nicht mal die Emotionen der Sachbearbeiter sind.
Nie wieder hier sein, das hatte ich mir doch so felsenfest geschworen vor eineinhalb Jahren und wie konnte das passieren, wie konnte es nur so weit kommen, dass ich doch wieder hier sitze. Und warte. Ich bin eine halbe Stunde zu früh. Überpünktlich. Danke, liebes Pflichtbewusstsein. Genug Zeit für mein Hirn, sämtliche Szenarien durchzuspielen. Was kann im schlimmsten Fall passieren? Mir fallen eine Menge Dinge ein. Nichts ist eine davon, aber wäre das wirklich der Super – GAU? Wäre es so schlimm, wenn die Zeit einfach stehenbliebe? So wie hier auf diesem Flur, so wie in der Frisur der Sachbearbeiterin? In der Einrichtung ihres Büros? Hat sie eventuell ein paar Kilo abgenommen oder bilde ich mir das bloß ein?
Sie sitzt mir gegenüber und redet auf mich ein. Ich schweige und versuche, die Panik in mir nicht aufsteigen zu lassen; versuche, ihren Worten zu folgen, sie mir zu merken und nicht in einem Strudel aus Angst untergehen zu lassen. Da, jetzt sagt sie es wieder, das verbotene Wort. Ruhig atmen. Nicken. Nicht schreien. Sie redet weiter, aber ihre Worte sind so belanglos, sie redet nur, um zu reden, im Grunde genommen, weiß sie doch auch nicht, was sie mir sagen will. Ich weiß es auch nicht. Ich will mich nicht immer und immer wieder erklären und rechtfertigen müssen – und waren wir nicht genau an diesem Punkt bei unserem letzten Gespräch schon angekommen? Ein Déja-Vu aus der Hölle. Vielleicht ist alles, was in den letzten eineinhalb Jahren passiert ist, ja gar nicht in dieser Dimension passiert, sondern in einer ganz anderen und die nette Frau vom Arbeitsamt weiß nichts davon und macht einfach da weiter, wo sie beim letzten Mal aufgehört hat. Wäre doch möglich. Wäre vielleicht nicht das Schlechteste.
Sie könne nicht so recht was mit mir anfangen. Müsse sie mir so sagen. Ganz ehrlich mal. Und an diesem Punkt ist sie zum ersten Mal ehrlich zu mir. Als habe sie von Anfang an auf diesen einen Punkt zusteuern wollen, jetzt hat sie es gesagt, vielleicht fühlt sie sich ein wenig erleichtert.
Sie wolle mir ja auch nur helfen. Aber das könne sie halt nicht. Dabei sieht sie mich sehr freundlich an, fast mitleidig.
Sie würde mich einfach nicht verstehen, nicht aus mir schlau werden und ich möchte ihr entgegen schreien, dass es mir selbst mit mir genau so geht und dann sage ich es, aber lache dabei und mache meine Verzweiflung zum Witz.
Weder Fisch noch Fleisch. Sie sucht nach Erklärungen, versucht politisch korrekt zu sein. Was bei Ihnen nicht so richtig läuft. Nicht wie normal. Jetzt eben. Weniger normal. Anders eben. Sie spricht von Einschränkungen und Problemen, als ob mir das selbst nicht bewusst wäre und versucht es zu vermeiden zu sagen, was wir beide insgeheim denken. Nicht ganz richtig im Kopf. Völlig gaga. Sag es doch einfach. Vollkommen irre. Da läuft nichts richtig und vielleicht wird es das auch nie. Und jetzt? Jetzt bin ich weder Fisch noch Fleisch, aber was bin ich dann? Wie sieht mich diese Frau, die so freundlich tut? Was sieht sie in mir? Einen hoffnungslosen Fall? Denkt sie, dass ich einfach nur zu faul bin? Denkt sie, ich bin unfähig, mein Leben auf die Reihe zu kriegen? Was bin ich?
Sie redet weiter, aber sie dreht sich mit ihren Worten nur immer mehr im Kreis, bis ich kurz vor einem Drehschwindel stehen müsste, würde ich ihr denn noch genau zuhören. Die Erkenntnis dabei ist: Sie versteht mich wirklich nicht. Nicht mal ein Krümelchen viel. Sie sagt das nicht nur so. Wieso sollte ich da versuchen, ihr irgendetwas erklären zu wollen? Spar dir die Energie, sagt mir mein Kopf. Es lohnt sich nicht, bleib ruhig, reg dich nicht auf. Aber sie ist ermüdend, diese Erkenntnis. Es fühlt sich ein wenig an, wie kampflos aufzugeben, noch bevor der Kampf überhaupt begonnen hat. Aber wofür soll ich hier kämpfen, wenn ich es selbst nicht weiß? Wenn ich selbst nicht weiß, was ich will.
Am Ende stimme ich ihrer kleinen Kapitulation zu. Sie weiß halt einfach nicht, aber vielleicht weiß ja jemand anderes. Was oder wer ich bin. Oder was man mit mir anfangen könnte. Oder was eventuell mit mir nicht stimmt. Ich stehe auf und gehe und nichts ist passiert. Ich weiß immer noch nicht mehr als vorher und außerdem nicht mehr, was ich bin. Aber ich weiß, dass ich hier keine Antworten finden werde.
Weder Fisch noch Fleisch. Eventuell bin ich eine Artischocke.
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