Heute ist der 2. Dezember – und ich sitze hier und bin leicht fassungslos. Wie konnte es so schnell Dezember werden? Wo ist der November geblieben? Ich fühle mich, als würde mir ein ganzer Monat fehlen, als hätte jemand in Freiburg die Zeit angehalten, als hätte Zeit dort nicht existiert. Oder als hätte sie schon existiert, nur eben anders. Wie in einer anderen Zeitzone. Intensiver und gleichzeitig entschleunigter. Und jetzt bin ich wieder zu Hause und muss mit Erschrecken feststellen, dass die Zeit hier nicht stehengeblieben ist, sie ist ganz ohne mich einfach weitergelaufen. Wie konnte sie nur? Hätte sie nicht anhalten und auf mich warten können, bis ich wieder aus dem Schwarzwald zurück bin? Dann hätte ich nahtlos an das Vorher anknüpfen können – und dabei aber auch die ganzen positiven Dinge und Erkenntnisse aus der Reha mitgenommen haben können. Aber nein – zack, November vorbei.
Wir haben Dezember. In 22 Tagen ist Heiligabend und ich habe noch keine Plätzchen gebacken. Kaum dekoriert. Keine Karten geschrieben. Mein inneres Kalenderblatt steht immer noch auf Oktober, eventuell schon November, auf Herbst und Wald und Blätterfallen. Wo ist die Seite mit Dezember und Weihnachten und Besinnlichkeit? Hat die jemand rausgerissen? Gibt es die dieses Jahr nicht? Dann fällt mir ein, dass das vielleicht meine geringste Sorge sein sollte, die Plätzchen nicht früh genug gebacken zu haben oder keine Zeit für Karten zu haben – aber es wäre so schön, wenn es so wäre.
Die Frage der Stunde ist vielmehr: Und jetzt? Während ich immer noch damit beschäftigt bin, mich in dieser vertraut-fremden-merkwürdigen Umgebung wieder einzufinden, muss es trotzdem weiter voran gehen. Ich habe gar keine Zeit um innezuhalten. Also gefühlt nicht. Real vermutlich schon, auch weil ich eh davon abhängig bin, wie schnell andere arbeiten und ich gar nicht so sehr viel selbst in der Hand habe. Dabei habe ich es letztendlich natürlich selbst in der Hand. Ich bestimme. Was ich will und noch viel mehr, was ich nicht will.
Angeblich ist es ja egal, welchen Weg man einschlägt, wenn man nicht weiß, was man will – laut Alice im Wunderland und Walt Disney jedenfalls – aber das halte ich für völligen Quatsch. Denn dann wäre es ja so einfach mit den Entscheidungen. Wenn ich nur weiß, was ich will, dann weiß ich auch, welchen Weg ich einschlagen muss. Und wenn ich es nicht weiß, tja, dann hab ich Pech gehabt. Dann könnte ich genauso gut einfach stehen bleiben. Dann ändert sich auch nichts, und ich gehe zudem nicht das Risiko ein, den falschen Weg zu nehmen, die falsche Abzweigung zu erwischen – und vor allem, erneut zu scheitern.
Ich habe vor einigen Abzweigungen gestanden und ich die eine oder andere schon genommen, bin an völlig falschen Orten angekommen, bin auf Hindernisse gestoßen und musste das eine oder andere Mal auch wieder umdrehen. Nur um dann wieder an der selben beschissenen Kreuzung zu stehen. Einige Wege habe ich schon mit Warnschildern markiert – Warnung! Gefährliches Terrain! – und ich weiß, dass ich diese Wege nicht noch einmal gehen werde. Aber welche Weg ist dann verdammt noch mal der richtige? Links, rechts, geradeaus? Fest steht, dass ich hier auf der Kreuzung nicht stehen bleiben kann und will. Etwas muss passieren.
Und während ich so darüber nachgedacht habe, was nun passieren soll – nein, was ich passieren lassen soll – nein, auch nicht, was ich passieren lassen will, hat es über Nacht angefangen zu schneien.
Hinterlasse einen Kommentar