Die Rehaklinik – ein begrenzter Raum, eine begrenzte Anzahl an Menschen. Und doch findet man hier eine erstaunliche Vielfalt an menschlichem Leben. Gottes bunter Zoo. Eine Spielwiese der Evolution. Im positiven wie im negativen Sinn.
In den letzten 5 Wochen konnte ich einige Studien durchführen und diese Vielfalt in ihrem neuen Lebensraum beobachten. Dabei bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass man die meisten Individuen in 7 Hauptgruppen einteilen kann, wobei es hier auch einige Überschneidungen bei den einzelnen Gruppen und Zwischenformen gibt – auf die werde ich jedoch aufgrund mangelnder weiterführender Studien nicht weiter eingehen können.
Nebenbei konnte ich noch eine ganz besondere Art beobachten und in zahlreichen Feldstudien näher betrachten sowie mich aktiv in ihre Gesellschaft einbringen. Aber dazu komme ich erst zum Schluss.
Beginnen wir bei den harmloseren Exemplaren und arbeiten uns zu den schweren Fällen bis hin zu den gefährlichen Arten durch.
#1 Das Helferlein: Diesem Typ begegnet man vermutlich in jeder Rehaklinik – man könnte schon fast annehmen, dass er existentiell notwendig ist für den Erhalt dieses Lebensraumes. Der Name sagt es schon – das Helferlein möchte jedem und jederzeit eine Stütze sein. Du brauchst einen Rat? Frag das Helferlein. Du willst dich mal ordentlich ausquatschen oder eine Runde heulen? Geh zum Helferlein. Du brauchst etwas? Das Helferlein besorgt es dir. Denn Helfen ist seine Profession. Dabei vergisst es jedoch das Wichtigste, nämlich sich selbst und dass es in der Reha ist, um an seinen eigenen Problemen zu arbeiten. Nicht, um der Feierabendtherapeut für seine Mitpatienten zu sein. Für die hat es nämlich allerhand gute Ratschläge und Tipps – meistens auch sehr gute – aber die sollte es lieber für sich selbst anwenden und umsetzen. Als Untergattung konnte ich hier den gemeinen Hobbytherapeuten beobachten. Dieser zeichnet sich durch ein intensives psychologisches Heimstudium aus und ist meistens nicht ganz so leicht zu händeln wie das Helferlein. Im Großen und Ganzen ist er jedoch wie das Helferlein ein herzensguter Mensch. Das Helferlein ist sensibel, empathisch und angenehm in der Gesellschaft, wird jedoch leider oft und gerne ausgenutzt (vor allen von den Typen, zu denen ich später noch kommen werde). Hat man einmal das Vertrauen des Helferleins gewonnen und ihm zu verstehen gegeben, dass man es nicht nur aufgrund seiner Hilfsbereitschaft mag und schon gar nicht ausnuten will, kann man damit rechnen, einen zuverlässigen Begleiter an seiner Seite zu haben. Und mit ein wenig gutem Zureden und Kaffee kann man recht gute Ergebnisse in puncto gesundem Egoismus beim Helferlein erzielen. Auch Spaziergänge und Vieraugengespräche haben sich hier als erfolgreiche Maßnahmen bewährt. Geduld haben und immer wieder den Kontakt suchen – es lohnt sich.
#2 Der Komiker: Er oder sie nimmt die Reha, wie er auch durchs Leben geht. Mit viel Humor. Immer hat er einen flotten Spruch auf den Lippen, immer ist er bestrebt, seine Mitmenschen zum Lachen zu bringen. Leider fehlt ihm oft das nötige Taktgefühl um zu merken, wenn seine Sprüche völlig unangebracht ist. Für seine Freunde daheim ist er mal eben in der Klapse, hahaha, dabei sind seine Probleme doch gar nicht so gravierend, wie es ihm andere weismachen wollen. Vor allem die Therapeuten sehen alles schlimmer, als es wirklich ist. Mal ehrlich, was soll er denen schon erzählen und außerdem haben die eh selbst einen an der Klatsche. Wie sollten sie das Irrenhaus sonst überleben? Und wenn es doch mal zwickt in seiner Seele, kann er das Ganze jederzeit mit einem Witz betäuben. Leider kann man mit dem Komiker kein ernstes Gespräch führen, weil er sich selbst und andere nicht ernst nehmen kann. Wird auf die Dauer anstrengend und ist nur in Maßen erträglich. Zudem sich die Witze auch irgendwann wiederholen. In den seltenen Fällen, in denen der Komiker dann doch mal an einen Therapeuten gerät, der ihn unsanft auf den Boden der Tatsachen befördert, kommt hinter der Clownsmaske ein sensibler Mensch zum Vorschein. Aber um das zu erleben, braucht man schon ein wenig Glück, zumal der Komiker in Gesellschaft anderer dann sehr schnell wieder hinter seiner Maske verschwindet, weinend wird man ihn kaum zu Gesicht bekommen. Für spaßige Schlagabtäusche gut zu gebrauchen, jedoch nicht alltagstauglich.
#3 Die Rennmaus: Sie hat die gleichen Intentionen wie der Komiker, nämlich bloß nicht ihren Gefühlen und Gedanken Raum zu geben. Denn wenn sie mal ruhig im Zimmer sitzen würde, zum Beispiel mit einem Buch, oder womöglich einfach nur so vor sich hin atmend, dann würde sie ja merken, dass es ihr überhaupt nicht gut geht. Ganz beschissen geradezu. Ihr Gedankenkarussell würde sich unaufhaltsam in Bewegung setzen. Ihre Probleme würden ihr bewusst werden. Und das könnte schmerzhaft sein. Was auf jeden Fall vermieden werden muss. Stattdessen rennt sie in jeder freien Minute durch den Wald, oder auf dem Laufband. Oder zum Shoppen in die Stadt – eine Untergattung, der ich die Bezeichnung „Shopping Queen“ geben möchte. Dabei gelingt es ihr zumindest kurzfristig, schlechte Gefühle und Gedanken mit Konsum oder körperlicher Anstrengung zu betäuben, doch leider hält dieser Zustand oft nicht lange an. Der nächste Lauf , die nächste Shopping Tour werden geplant – ein Teufelskreis. In den meisten Fällen ist die Rennmaus ein sehr sympathisches Wesen und auch durchaus zu ruhigen Gesprächen in der Lage – wenn man sie denn mal zu fassen bekommt und für einige Zeit ruhigstellt. Irgendwann braucht auch die aktivste Rennmaus mal eine Pause. Kaffee und Kekse können dann als Lockmittel erfolgreich eingesetzt werden. Erfordert ein wenig Geduld im Umgang, kann sich aber durchaus lohnen. Zudem sie einen auch mal antreiben kann, denn ihre Bewegungslust hat auch positive Aspekte. Sie kann ihre Mitmenschen zu allerlei Aktivitäten motivieren und lässt dann auch keine Ausrede gelten, zudem sie als natürlicher Fressfeind des gemeinen inneren Schweinehunds bekannt ist.
#4 Das Leiden Christi: Ihn oder sie – in den meisten Fälle ist diese Gattung jedoch weiblich – erkennt man schon von Weitem an den chronisch herabhängenden Mundwinkeln. Der Blick ist gesenkt und auf den Bodenbelag gerichtet, auch wenn sich das nicht positiv auf die Nackenmuskulatur auswirken dürfte. Aber das wäre dann ja als ein weiterer Punkt auf seiner langen Liste zu betrachten, die er ständig mit sich trägt um sie jederzeit seinem Arzt und/oder Therapeuten vorzulegen. Dieser Typ Patient leidet – man befindet sich ja auch in Reha und nicht im Erholungsurlaub. Und er leidet gerne. Ihm geht es schlecht bis sehr schlecht und das darf man ruhig sehen. Lautes Gelächter am Nebentisch quittiert er mit einem noch leidenderen Blick und Kopfschütteln. Wie kann man hier bitteschön so dreist sein und Spaß haben? Zudem scheint diese Gattung ein Problem mit ihrem Gebiss zu haben – sie bekommt die Zähne einfach nicht auseinander. Auf Anlächeln und Grüßen wird daher in der Regel gar nicht erst reagiert, die gute Laune könnte ja auch ansteckend sein und dann hätte man nichts mehr zum Leiden. Das männliche Exemplar dieser Gattung leidet zudem gerne körperlich – hüstel, hüstel – oft an der lebensgefährlichen Männergrippe. Hier helfen nur klare Ansagen, mit Höflichkeit und Diplomatie lassen sich keine Erfolge erzielen. Am besten für die eigene Stimmung ist es, das Leiden Christi im weiten Bogen zu meiden. Man sollte sich erstens nicht von der Miesepetrigkeit anstecken lassen und zweitens seine Energie nicht mit unnötigen Aufmunterungsversuchen vergeuden. Aus ihrer Mitleidspfütze wird man selbst als Helferlein kein Exemplar dieser Gattung heraus locken können.
#5 Das Nölpferd: Für diese spezielle Gattung ist einfach nichts gut genug. Das Essen ist scheiße und schmeckt eh nicht wie bei Mutti. Die Therapie ist albern bis völlig überflüssig. Musiktherapie? Bin ich hier im Kindergarten? Gruppentherapie? Ich soll mit anderen Menschen kommunizieren und ihnen von meinen Problemem erzählen? Achtsamkeit?Qigong? Was für ein Quatsch soll das denn sein? Die Therapeuten sind eh alle selbst gestört und verstehen einen nicht. Man leidet doch, sieht das denn niemand? Und die Ärzte sind alle Quacksalber. Wo haben die denn studiert? Hier ist das Nölpferd dem Leiden Christi nicht unähnlich, aber wo dieser still vor sich hinleidet, muss das Nölpferd seinem Unmut oft und intensiv Raum verschaffen. Sehr zum Leidwesen aller Zuhörer. Im fortgeschrittenen Stadium wird aus dem Nölpferd so schnell eine Meckerziege. Dabei merkt es nicht, dass es sich selbst das Leben nur schwer macht. Wenn man sich auf Therapien einlässt und akzeptiert, dass Therapeuten und Ärzte nicht dafür da sind, einem einfach zu sagen, was man hören will , sondern durchaus eigene Meinungen vertreten, die auch mal unbequem sein können, könnte das Rehaleben ganz gut werden. Dann muss man auch nicht jedem erzählen, wie überflüssig der ganze Kram war. Wie gesagt, wenn…Wobei die meisten Nölpferde bzw Meckerziegen schon aus Gewohnheit nölen und schlechte Energie verbreiten. Hinzu kommt oft noch eine leicht paranoide Tendenz, denn wer weiß schon, was die hier mit den ganzen Daten machen? Anonymisiert? Kann es nicht glauben, da muss ein Haken dran sein. Und wird man nicht eh 24/7 beobachtet, womöglich durch Kameras, und jeder Schritt notiert? Zeigt das ohnehin schon anstrengende Nölpferd zusätzlich dieses Verhalten verdoppelt sich der Nervfaktor noch einmal – eine ausgewachsene Meckerziege ist entstanden. Zu diesen beiden Gattungen kann man nur Abstand halten, vor allem wenn man seine gute Laune behalten möchte. Oder wenn das eigene Nervenkostüm relativ intakt ist, kann man ihnen auch mit Humor begegnen und den Nörglern mit gezielten Bemerkungen den Wind aus den Segeln nehmen.
#6 Der Hafensänger: Dieser Typ Patient ist fast immer männlich. Er lebt nach dem Motto „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ und ist auch jederzeit bereit sowie in der Lage seinen Zuhörern Bilder davon auf seinem Handy zu zeigen. Dazu erzählt er gerne Geschichten vom letzten Urlaub (Der Motorradtrip durch Südafrika war der geilste Urlaub in meinem Leben!), von seinem Haus (dass er eigenhändig renoviert/gebaut hat) oder davon, wie er nach seiner Reha die Welt verbessern bzw seinem Chef mal ordentlich die Meinung geigen will. Diese Geschichten erzählt er dann in den nächsten Wochen bis zum Erbrechen, und zwar jedem, der sie hören oder auch nicht hören will. Wie das Helferlein gibt der Hafensänger gerne und oft Ratschläge für das Leben seiner Mitmenschen, merkt jedoch nicht, dass diese zumeist völlig unpassend und anmaßend sind. Werden diese Ratschläge dann auch noch abgelehnt, fühlt er sich wie vor den Kopf gestoßen. Wie kann man es nur wagen, seine genialen Ratschläge und seine unverzichtbare Hilfe abzulehnen? Dieser Typ würde nach außen in der Regel nie zugeben, dass er in einer psychosomatischen Klinik ist, stattdessen erzählt er allen Bekannten und Kollegen, dass er in Kur ist. Und dabei bleibt er auch – denn eher würde er seinen Porsche zerkratzen als zuzugeben, dass er ein psychisches Problem hat. Am besten hält man sich von ihm fern. Wenn er einen doch mal erwischt und man sich seinem Redeschwall nicht mehr entziehen kann, hilft nur eins: Mit Humor nehmen. Mindestens die Hälfte der Geschichten sind eh ausgedacht.
Ich konnte übrigens keine adäquate weibliche Variante zum Hafensänger entdecken. Am nächsten kommen hier zwei Typen – das Modepüppchen und die Dancing Queen. Beide haben gemeinsam, dass sie oft und gerne im Mittelpunkt stehen. Das Modepüppchen tut dies über ihr Aussehen – die Klinik ist ihr Laufsteg – und fällt durch häufig wechselnde Garderobe auf. Man kann sie sich nur schwer im matschverschmierten Joggingdress vorstellen, und wahrscheinlich bekommt sie spontan Haarwurzelkrämpfe, wenn sie dann doch mal nsl im Regen in den Wald soll. Die Dancing Queen hingegen möchte durch ihr lautes und affektiertes Verhalten glänzen – die Klinik ist ihre Bühne. Sie ist eine Meisterin des Schauspiels und ist immer in der Lage, ihre Mitmenschen mit einer kleinen Tanzeinlage zu unterhalten. Beiden fehlt wie dem Hafensänger die nötige Einsicht, wenn sie oder ihr Verhalten fehl am Platz sind. Auch hier gilt: Meiden oder ausweiden.
#7 Das Arschloch: Kommen wir nun zur gefährlichsten Gattung, die sich leider in jeder Ansammlung von Menschen wiederfinden lässt und wohl auch nicht so schnell aussterben wird. Zum Glück erkennt man es recht schnell an seinem rücksichtslos egoistischen Verhalten. Andere wollen abends gerne die Nachrichten gucken? Egal, ich war zuerst hier und ich rede so laut es mir passt. Zur Not auch immer lauter als der Fernseher. Das bei seinen Mitmenschen das Aggressionspotential linear zur Lautstärke steigt, quittiert er mit einem Lächeln. Er wartet nur auf die Auseinandersetzung – bitte nicht drauf einsteigen! Mit dieser Gattug ist jede Diskussion reine Zeitvergeudung. Was andere möchten ist ihm oder ihr – meistens jedoch ihm – gleichgültig. Die Gefühle anderer? Interessieren ihn nicht. Zusätzlich zeichnet er sich durch gänzlich unpassende und saublöde Sprüche aus, die nur dazu dienen sollen, auf sich aufmerksam zu machen (Es gibt keine zweite Kasse an der Essensausgabe und mit unserer Ernährungsberatung ist auch alles in Butter. Chips kriegst du von uns erst recht nicht.) und im Gegensatz zu denen des Komikers so ganz und gar nicht witzig sind. Leider ist das Arschloch immer noch in der Lage ein Rudel von Gleichgesinnten um sich zu scharen und dadurch nur selten alleine anzutreffen. Dieses Verhalten dient meiner Meinung nach jedoch nur zum Selbstschutz. Das Arschloch ist eigentlich ein ganz armes Würstchen, dass nur von der Aufmerksamkeit und Bestätigung seiner Anhänger leben kann. Warnung! Großräumig meiden! Das Arschloch ist es nicht wert, dass man sich mit ihm anlegt oder sich über es aufregt. Ignorieren ist hier immer noch die beste Überlebensstrategie, damit kann das gemeine Arschloch nämlich so gar nicht umgehen.
#❤ Die Hühner: Und dann gibt es da noch eine ganz spezielle Gruppe an Menschen, denen man mit viel Glück in der Reha begegnet. Man lernt sie ganz zufällig kennen und bildet spontan eine Gruppe, um dann in dieser Konstellation zusammen zu bleiben. Nicht 24/7, aber man sieht sie immer wieder, spätestens beim Essen. Man geht spazieren, walken, wandern, bummeln, Kaffee trinken, nach fast einem Jahrzehnt wieder ins Kino und genießt die Gesellschaft dieser wunderbaren Menschen. Sie sind da, wenn grad nichts mehr geht, helfen einem den steilsten Berg hinauf, sie glauben an einen, wenn man es selbst nicht mehr kann. Sie hören zu und gleichzeitig akzeptieren sie, wenn man mal Ruhe braucht. Und wenn die Ruhephase vorbei ist, sind sie immer noch da. Mit ihnen kann man reden, auch und gerade über ernste Dinge, die schwer zu formulieren sind. Ihnen muss man nichts erklären, sich nicht rechtfertigen – und das ist schon fast die größte Erleichterung. Vor ihnen sind Tränen nichts Schlimmes – sie haben immer ein Taschentuch. Mit ihnen bleibt die Zeit nicht stehen und wenn doch, dann steht man halt gemeinsam und hält auch das aus. Aber das Schönste ist, dass mit ihnen das Schwere auch mal leicht sein kann und darf. Mit ihnen kann man laut lachen, albern sein und alle Sorgen für einen Moment oder zwei vergessen. Mit ihnen kann man auffallen, immer wieder und es ist egal, was andere von einem denken. Mit ihnen erträgt man den ganzen Wahnsinn, ohne selbst wahnsinnig zu werden.
Ich habe 4 solche Exemplare gefunden. Danke, ihr Hühner. ❤
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