Musiktherapie. Mir geht es gar nicht gut, Ich bin wie in einem Tunnel gefangen. Ich fühle mich nervös, mein Herz flattert wie ein Schmetterling, bin zittrig, es flackert noch immer vor meinen Augen – und ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass es mir nicht gut tut am Computer zu sitzen. Musste ich aber, nennt sich „Kognitives Training“ (Ich erkläre das jetzt nicht näher und wie ich es für mich nenne, behalte ich auch lieber für mich.). Jedenfalls, ich sitze danach in der Musiktherapie. Und dann sagt die Therapeutin doch tatsächlich zu mir, dass ich erholt aussehe. Wie bitte? Erstens fühle ich mich im Moment überhaupt nicht so und zweitens bin ich hier doch verdammt noch mal nicht auf Urlaub. Wie kommt die dazu, das zu sagen?
Das ist hier eine medizinische Reha. Eine verdammt ernste Sache. Ich bin hier, um darüber nachzudenken, wie es beruflich für mich weitergehen soll. Ich muss einen Plan schmieden, mir Gedanken machen, an mir arbeiten – und das bitteschön hart und rund um die Uhr. Auch wenn ich nachts aufwache. Immer schön an die Zukunft denken. Dabei kommt zwar regelmäßig Panik in mir auf, die mir die Luft zum Atmen nimmt und sich in meiner Brust festkrallt wie ein gefräßiges Tier, aber ich bin ja nicht zum Spaß hier. Das darf ruhig weh tun. Wie soll ich sonst merken, dass ich hart genug an mir arbeite?
Andererseits ist dieses ständige Grübeln recht anstrengend. Energieraubend geradezu. Und nicht wirklich zielführend. Was soll ich hier im Moment schon ausrichten? Ich bin hier und damit habe ich laut meiner Therapeutin hier schon 100% der Anforderungen erfüllt. Klingt einfacher, als es ist – ich kann damit zufrieden sein und muss mir keinen zusätzlichen Druck machen. Theoretisch klingt das jedenfalls ganz einfach.
Die Frage der Woche ist deshalb: Darf es mir hier in der Reha gut gehen? Damit meine ich nicht, ob es egal wem generell in einer Reha gut gehen darf – diese Frage würde ich ohne mit der Wimper zu zucken für jeden mit einem Ja beantworten. Ich meine damit mich ganz persönlich. Nur mich.
Was für ein Recht habe ich, dass es mir hier gut geht? Habe ich die Freiheit, mir die Erlaubnis zur Erholung zu geben? Mit was für einer Begründung bitteschön? Bin ich ausgepowert, erschöpft, habe Dauerschmerzen, ein Trauma erlitten? Nein. Ich habe Depressionen. Da befinden sich der Aktivitätslevel und der Stresspegel eher an der unteren Grenze. Wovon sollte ich mich also erholen?
Dummerweise befinde ich mich hier gerade in einem Konflikt mit mir selber. Denn eigentlich geht es mir ziemlich gut. Wenn ich denn nicht nachdenke, grübele und mich mit Gedanken quäle. Ich gehe viel im Wald spazieren – alleine und in Gesellschaft; ich war wandern und einen Tag im wunderschönen Colmar. All das habe ich genossen – shame on me. Ich genieße es, Kaffee zu trinken und gut zu essen, die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht, die Aussicht von ganz oben nach einem anstrengenden Aufstieg, die kleinen französischen Gassen und Fachwerkhäuser. Ich liebe es, Details zu entdecken, Gerüche, Leichtigkeit zu spüren, ganz ohne Angst zu sein.
Wäre da nicht immer wieder dieses fiese, schlechte Gewissen, das mich aus diesem Gefühl heraus reißt und den Denkapparat unbarmherzig anschmeißt. Genug genossen, Zeit zum Grübeln. Wie zur Strafe für den Genuss kommt die Zukunftspanik nach dem Genuss umso heftiger. Hallo, hier bin ich wieder – oder hattest du mich etwa schon vergessen? Als ob ich das könnte. Du weckst mich nachts und hältst mich wach, du lässt mich aus schönen Gedanken hochschrecken und unterbrichst mich immer wieder. Du erschrickst mich und beendest meine Tagträume. Wenn du da bist, weiß ich nicht, wie es mir jemals wieder gut gehen soll….
Am Ende der Musiktherapie ging es mir übrigens gut, der Tunnel hatte sich geweitet, der flatterhafte Schmetterling in meiner Brust hatte sich beruhigt. Ich hatte ein Gefühl von Ruhe und Frieden in mir – und das habe ich dann tatsächlich auch genießen können.
Für die restlichen Wochen habe ich heute noch einen Auftrag von meiner Therapeutin bekommen: Spaß haben. In der Reha. Ich werde mein Bestes geben.
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