Wandern.  Eine kurze Analogie

Der erste Schritt ist eine riesige Überwindung.  Den Rucksack packen.  Nimm alles mit, sei für alle Eventualitäten gerüstet. Vergiss nichts. Hast du auch wirklich an alles gedacht, an alles, was passieren könnte? Bist du alle Szenarien im Kopf durchgegangen? Natürlich. Sonst wäre es ja auch leichter für dich.  Aber dein Kopfkino spielt schon wieder Katastrophenfilme.  Trotzdem.

Geh los.  Bleib nicht stehen, du kannst das.  Trau dich.  Du bist nicht allein.  Du hast Stöcke, benutze sie.

Der erste Anstieg.  Es geht nur langsam voran, einen Schritt nach dem anderen und die Beine schmerzen schon nach wenigen Metern.  So steil ist das nicht und trotzdem ist es unendlich schwer.  Da hinten wird es schon wieder flacher, nur noch ein paar Schritte und du hast es geschafft.

Nein. Zu früh gefreut.  Dein Weg ist der kleine zu deiner Rechten; der steile, schmale Pfad, der tief in den Wald hinein führt. Immer weiter weg vom Licht. Links geht es steil abwärts, nur wenige Zentimeter neben deinen Füßen. Also setze deine Schritte vorsichtig und bewusst – ein falscher Schritt und du fällst.

Angst. Du schaffst das nicht.  Du kannst nicht zurück.  The only way is up.  Kalter Schweiß auf deinen Armen, in deinem Nacken.  Schwindel.  Ein Schritt nach dem anderen, im Tunnel gefangen.  Du und deine Angst.  Gleich liegst du am Boden.  Warum tust du dir das an?

Dann – eine helfende Hand, eine zweite, dritte, vierte.  Du schaffst das, mach langsam, ich bin direkt hinter dir. Ich helfe dir.  Ich bin direkt vor dir, geh mir einfach hinterher. Nimm einen Schluck Wasser, ich gebe dir die Flasche, ich halte deine Stöcke.  Nein, du bist nicht alleine, du musst da nicht alleine durch.

Trotzdem ist es schwer.  Warum ist der Aufstieg noch immer nicht zu Ende? Warum kein Licht in Sicht? Die Lunge brennt – atme ganz ruhig weiter. Die Beine bewegen sich mechanisch – bleib jetzt nicht stehen. Die letzten Meter sind die schwersten – die ersten und die letzten. Gib nicht auf, du bist gleich da.

Irgendwann ist da Licht.  Oben.  Die Schmerzen sagen dir, dass du noch lebst.  Du genießt sie, das Ziehen in den Waden, in den Oberschenkeln. Endlich fühlst du etwas, etwas anderes als Angst.

Bleib jetzt nicht stehen. Du musst weiter, immer weiter. Genieß die Aussicht.  Aber geh weiter. Ein kurzer Moment von Stolz. Du bist tatsächlich oben. Atme durch.  Ruh dich nicht zu lange aus, es geht weiter und der nächste Anstieg kommt bestimmt.  Sei darauf vorbereitet.

Geh immer weiter.  Geradeaus.  Ein paar Meter runter, ein paar hoch. Ein paar im Licht, ein paar im Schatten.  Geh auf keinen Fall zurück.  Immer weiter weiter weiter.  Bis zum Ende.

Und dann? Du hast es geschafft, du hast das toll gemacht, ganz großartig.  Du kannst stolz auf dich sein. Sei stolz auf dich! Aber da ist nichts; da ist nur ein großes schwarzes Loch, wo ein Gefühl sein sollte. Es war wieder nicht genug.

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