Willkommen im netzfreien Raum 

Da sitze ich eben noch im ICE und genieße die Vorzüge des kostenfreien WLANs der Deutschen Bahn  – Fortschritt, ich liebe dich – und dann sitze ich hier.

Willkommen in Freiburg.  Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie a.k.a. netzfreie Zone a.k.a. digitales Mittelalter.  Mein Zimmer hat kein Netz. Nichts geht. Keine WhatsApp, Facebook, Instagram – all meine kleinen kommunikativen Spielereien.  Ich kann noch nicht einmal telefonieren.  Selbst wenn ich wollte, ich könnte niemandem sagen, dass er mich verdammt nochmal hier rausholen soll. SOFORT! Meine Notfallpläne bezüglich Fluchtwagen, fungierter Entführung, heimliche Pizzabestellungen – ich kann sie alle in den Wind schießen.

200 Meter von der Klinik entfernt finde ich dann Netz. Endlich.  Zivilisation, es gibt dich also noch.  Gut, gehe ich demnächst einfach öfter spazieren.  Soll ja gesund sein. Und sicherlich ist es auch gut, das Smartphone mal im Zimmer liegen zu lassen.  Nicht immer jede Nachricht sofort zu lesen und zu beantworten.  Zu sich selbst zu  finden – was auch immer damit gemeint sein soll.  Ich kann trotzdem kaum glauben, dass es tatsächlich noch  netzfreie Zonen gibt.  Wie weiße Flecken auf der Landkarte. Gibt es die eigentlich noch?

Und so bietet sich am Abend ein leicht skurriles Bild: Erwachsene Menschen mit ihren Smartphones, verstohlen im Wald auf der Suche nach Empfang.  Fast schon heimlich, als wollten sie einen Auftragsmord planen.  Oder sich hinter dem Rücken der Eltern mit dem Freund verabreden. Vielleicht haben sie aber auch nur ihre Fluchtpläne noch nicht ganz aufgegeben.

Ich versuche derweil weiter, anzukommen und mich einzuleben.

Am nächsten Morgen. Erkenntnis #1: Gefühle sind ein Arschloch.  Ich will nach Hause. SOFORT! Ich könnte den ganzen Tag heulen und hier bleiben kann ich auf keinen Fall. Nach der ersten Tasse Kaffee sieht die Welt dann wieder etwas besser aus. 4 Wochen schaffe ich schon.  Irgendwie.  Und nach einem langen Spaziergang in netter Begleitung könnte ich mir eventuell auch 6 Wochen eingestehen.

Erkenntnis #2: Mitten im Wald ist das Netz ziemlich gut. Und Bewegung im Wald ist super. Notiz an mich: Zu Hause einen Wald suchen.

Frage des Tages: Fühlen sich andere eigentlich auch so emotional aufgewühlt und umgekrempelt, dass sie am liebsten nur noch heulen würden?

Wort des Tages: Körperarzt.

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